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Autorin, Komponistin, Legionsgesandte: Hilde Firtel fand vom Judentum zur kath. Kirche

BILD: Hilde Firtel im Gespräch mit jungen Frauen

Von Walter Flick

Am 2. Dezember 1991 starb im Frankfurter Rot-Kreuz-Krankenhaus im Alter von 81 Jahren die österreichische Konvertitin Hilde Firtel, Nachkriegs-Gesandte der Legion Mariens für Deutschland und die Schweiz.

Rund 30 Jahre nach ihrem Tod gibt es insbesondere durch einen Artikel des irischen Priesters Father O´Carrol und durch einen Aufsatz der Musikwissenschaftlerin Ulrike Keil neue Erkenntnisse zu ihrer Konversion sowie zu ihrem musikalischen und kompositorischen Wirken.

Niemand von denen, die Hilde Firtel noch gekannt haben, konnten mir bisher etwas Näheres zu ihrem Glaubensübertritt und zu ihrem Werk als Komponistin sagen. Offenbar hat sie selber über diese Punkte kaum gesprochen.

Hilde Firtel war ein Multitalent, für die Legion Mariens aber der „Frank Duff Deutschlands“, wie es Pfarrer Spiegel, langjähriger Geistlicher Leiter des Senatus Frankfurt, in einem Nachruf-Artikel der „Stimme der Legion“ schrieb.

Wiener Jüdin, musikalische Karriere und Atheistin

Hilde Firtel wurde am 23. Juli 1910 – einem Samstag (Sabbat) – als Tochter jüdischer Eltern des gehobenen Bürgertums in Wien geboren  –  sie hatte noch einen 1915 geborenen Bruder Georg – und wuchs im dichtbebauten 4. Bezirk der Innenstadt mit dem Mittelpunkt der bedeutenden barocken Karlskirche auf.

Wien war 1910 mit 2,1 Millionen Einwohnern zu einer Weltmetropole mit einem blühenden kulturellen Leben und zu einem Zentrum jüdischer Kultur herangewachsen. Dieses geistige Umfeld wird sicher nicht ohne Einfluß auf Hilde gewesen sein.

Der Vater Rudolf Firtel, Prokurist einer Immobilienfirma, und die Mutter Roze waren sehr musikliebend und passionierte Sänger. Informationen über ihren musikalischen Werdegang haben wir insbesondere durch ein Interview, das die Musikwissenschaftlerin Ulrike Keil im Mai 1991 kurz vor Hildes Tod geführt hat und das – wie auch noch erhaltene Kompositionen Hildes –  im Frankfurter Archiv „Musik und Frau“ hinterlegt ist.

Die Eltern förderten schon früh die musikalische Ausbildung ihrer Tochter, die bereits als 5-Jährige Klavierunterricht erhielt. Hilde besuchte das Gymnasium und parallel dazu die Akademie für Musik und darstellende Kunst.

Um 1926 entstanden ihre ersten Kompositionsversuche, z.B. ein Klavierstück für ihren Vater. Nachdem sie 1931 die Reifeprüfungen in Klavier und Komposition abgelegt hatte, studierte sie das Kapellmeisterfach und Komposition.

BILD: Hilde Firtel am Klavier 1939 in Manchester.

Ihre umfassende musikalische Ausbildung schloss sie 1933 an der Wiener Akademie einschließlich eines für Frauen damals ungewöhnlichen Dirigenten-Diploms mit Auszeichnung ab. Im Mai 1933 dirigierte sie das Wiener Frauensymphonie-Orchester im Musiksaal in Anwesenheit des Wiener Kardinals Innitzer und anschließenden überschwänglichen Presseberichten.

Im Frühjahr 1933 verschlechterte sich die familiäre Situation der Firtels.Der Vater erkrankte an Tuberkulose, starb 1934 mit 59 Jahren und der Bruder wurde arbeitslos.

Um Geld zu verdienen, nahm Hilde ein Engagement als Pianistin in Tingeltangel-Truppen wie den Wiener „Singing babies“ und „Fritz Feverits Coeur Damen“ an und reiste „drei unglückliche Jahre“ (U. Keil-Interview) durch Europa u.a. mit Auftritten in Paris und London.

Nach einem dreimonatigen tuberkulosebedingten Sanatoriumsaufenthalt in Italien verstärkte sich ihre Italiensehnsucht, „dessen Sprache und Kultur ich schon auf unseren Konzertreisen lieben gelernt habe“ (vgl. Keil-Interview).

Hier fügte es sich, dass sie mit einem Gedicht ein Preisausschreiben des Vereins der Italienfreunde gewann und dafür eine Italienreise erhielt. Sie kam nach Mailand, nahm dort eine Stellung als Hauslehrerin und Haustochter, später als wissenschaftliche Sekretärin bei einer großen Arzneimittelfirma an.

Wie Pfarrer Spiegel aus Gesprächen mit ihr wußte, verstand sie sich in diesen Jahren als Atheistin, las und diskutierte u.a. die Bücher Nietzsches und anderer Propheten der Gottlosigkeit, nach denen sie auch lebte.

Konversion 1937 in Mailand

Über ihren Übertritt zum Katholizismus war bisher kaum etwas bekannt. Auch Menschen, die sie noch gekannt haben, konnten mir bisher nichts Näheres dazu sagen.

Durch das Vorwort der englischen Übersetzung von Hilde Firtels Buch über Frank Duff gibt es jetzt einige Hinweise.

Ihre Übersiedlung nach Mailand hing, so Father O Corrol, der Hilde Firtel bereits bei Kriegsende kennengelernt hatte, mit Hoffnungen auf ihre musikalische Karriere zusammen. Hierfür, so sagte ihr ein Freund, müsse sie Christin werden.

Inspiriert auch durch die hervorragenden Charaktereigenschaften ihrer Mailänder Vermieterin Signora Pisoni nahm sie katechetischen Unterricht bei einem Priester, der ein Datum für ihre Taufe festsetzte. Sie wollte diesen Termin absetzen mit der Bemerkung an den Priester: „Ich weiß alles, was ich wissen muß. Aber ich glaube nicht. Ich machte dieses Verfahren nur für meine Karriere. Ich kann diese Farce nicht mehr mitmachen!“

„Aber Du wirst!“, beharrte der Geistliche. Der Tag der Taufe kam und sie blieb weg. Es folgte eine Zeit intensiver Selbstzweifel und Depressionen, bis sie schließlich verzweifelt zu dem Geistlichen zurückkehrte. Dieser meinte: „Wie ich Ihnen sagte, Sie werden aufgenommen werden.“

Diese Mal nahm sie den Termin wahr. Laut Frank Duff erhielt sie sodann bei der Taufe einen starken Glauben, den nichts mehr erschüttern konnte.

England-Aufenthalt und Kennenlernen der Legion Mariens

Der sogenannte Anschluß Österreichs ans Deutsche Reich im März 1938 nahm Hilde Firtel nach eigener Aussage die Möglichkeit einer Rückkehr in die Heimat.

Ihre Mutter Roze kam 1942 mit einem Transport nach Minsk und vermutlich in der Shoa um, während Hildes Bruder Georg sich durch Emigration nach Hongkong retten konnte.

Durch die Intrige einer Mitbewohnerin als kommunistische Spionin verdächtigt, mußte sie Italien verlassen und kam 1939 nach einem kurzen Paris-Aufenthalt nach England. In Manchester arbeitete sie über zwei Jahre oft 16 Stunden am Tag als Haushälterin bei einem Professoren-Ehepaar, ehe es ihr gelang, eine Stelle als Journalistin zu bekommen.

Ihre Hoffnung, ein Karriere-Angebot in den USA annehmen zu können, zerschlug sich.

Täglich besuchte sie in Manchester die hl. Messe und vertraute sich der Führung eines Beichtvaters an. Sie war gewillt, „etwas für das Heil des Nebenmenschen zu tun“ – „..ich sehnte mich glühend danach, Apostel sein zu dürfen“ (siehe S.15 ihres Buches „Gesandtin ohne Diplomatenpass“)

In dieser Situation erhielt sie wohl im Jahr 1942 den Besuch zweier Mädchen, die sie zu einem Treffen der Legion Mariens einluden.
Nach Rücksprache mit ihrem Beichtvater – sie hatte zuvor eine Enttäuschung mit einer anderen religiösen Gruppe erlebt – besuchte sie diese Zusammenkunft.

Angetan von diesem strukturierten Treffen junger, apostolisch gesinnter Frauen, fand sie das, „was ich bisher vergeblich gesucht hatte!“

Etwa drei Jahre vergingen dann mit enthuiastischer Legionsarbeit in England, wo sie auch mit Begeisterung von Legionsgesandten wie Edel Quinn in Afrika erfuhr. Kurz nach Kriegsende erklärte ihr ein junger Priester, es sei ihre Berufung, die Legion Mariens als Gesandtin nach Deutschland zu tragen. Am selben Tag sagte eine heiligmäßige Nonne ihr das Gleiche.

Gesandte für Deutschland und die Schweiz

Die Geschichte ihrer Legio-Tätigkeit ist von Hilde Firtel in ihrem Buch „Gesandtin ohne Diplomatenpaß“ ausführlich beschrieben.

1945 begegnete sie Frank Duff, der von ihr angetan war. Er war irischer Finanzbeamter und 1921 in Dublin Gründer der Legion Mariens.
Für das Concilium war Hilde eine Gebetserhöhrung für die Ausbreitung der Legion in Deutschland. Am 7. Dezember 1945, dem Vorabend des Festes der Unbefleckten Empfängnis, hatte Hilde das offizielle Schreiben für ihre Gesandtentätigkeit in Deutschland erhalten.

Über eine Anstellung als Dolmetscherin bei der US-Armee gelangte sie 1946 nach Deutschland und trat in Eßlingen ihren Dienst an. Nach einer Versetzung an den Militärgerichtshof in Nürnberg fand sie 1948 in Frankfurt eine neue Stelle und Heimat.

Von hier aus arbeitete sie unermüdliche für den Aufbau der Legion Mariens in der Bundesrepublik Deutschland und ab 1953 auch in der Schweiz. Sie kontaktierte die jeweiligen Bischöfe um Erlaubnis zur Einführung der Legion, angefangen im Mai 1946 beim Bischof von Stuttgart-Rottenburg ,Johannes Baptista Sproll.

Im Oktober 1946 hatte Hilde eine wohlwollende Begegnung mit Papst Pius XII. im Rahmen einer Gruppenaudienz in Castel Gandolfo, im Januar 1947 gab es eine erste Curia in Stuttgart.

Am 22. Dezember 1948 konnte sie den für die Legion sehr aufgeschlossenen Limburger Bischof Ferdinand Dirichs in seinem Palais treffen, der bald danach am 27. Dezember bei einem Autounfall tödlich verunglückte.

In den 50er Jahren entstand ungefähr jede Woche ein neues Präsidium, 1956 sogar etwa zwei pro Woche.1956 gab es einen großen mehrtägigen Legionskongreß in Frankfurt mit mehreren hundert Teilnehmern aus Deutschland und dem Ausland und einem Hauptreferat des damaligen Weihbischofs und späteren Kardinals Leo Suenens von Brüssel-Mechelen.
1957 endete offiziell Hildes Gesandtentätigkeit.

Von 1958 bis zum Tod 1991

Sie blieb aber für Deutschland die „Mutter der Legion“.
Korrespondenz, Einladungen, Vorträge und Anfragen häuften sich weiterhin. Beruflich war Hilde als Übesetzerin, Schriftstellerin, Lektorin und Gerichtsdolmetscherin tätig.

Sie sang auch im Frankfurter Opernchor. Rund 40 Jahre wohnte sie bis zu ihrem Tod 1991 in Frankfurt in der Mainzer Landstraße 301 gegenüber der Kirche St. Gallus, unterstützt von ihrer treuen Freundin und Legionsgefährtin Thekla Fleckenstein.

1961 wurde der Senatus München, 1966 der Senatus Frankfurt gegründet. Mit Spannung erwarteten die Legionäre immer Hildes Schlußansprache bei den Peregrinatio-Wochenenden in Maria Einsiedeln.

Von Krankheit gezeichnet, starb Hilde Firtel am 2. Dezember 1991 in Frankfurt. Beerdigt wurde sie am Montag, 9. Dezember 1991 – Fest der Unbefleckten Empfängnis 1991 – unter großer Anteilnahme auf dem Frankfurter Hauptfriedhof, wo sich bis heute ihr Grab, von Legionären gepflegt, befindet.

Von Bedeutung ist Hilde Firtel auch als Komponistin, Schriftstellerin und Übersetzerin.

Insbesondere als unentdeckte Komponistin erhält sie in letzter Zeit Aufmerksamkeit in verschiedenenen Aufsätzen und Artikeln.

Komponistin
Von ihren Kompositionen sind im Frankfurter Archiv „Frau und Musik“ ein Klavierkonzert mit Orchesterbegleitung, Lieder für Sopran und Kammerorchester und mehrere Klavierstücke zu finden. In der englischen Emigration ging ein Großteil ihres musikalischen Erbes wie die 1936/1937 geschriebene Oper Raja verloren. In dem Einakter geht es um die Geschichte einer Bäuerin und Dorfschönheit, die sich in einen Räuber verliebt, der schließlich von den Bauern erkannt und erschossen wird. Als Mitglied des Frankfurter Opernchores, als gelegentliche Pianistin und Sängerin war sie auch in der Nachkriegszeit musikalisch tätig. Ihre von Fachleuten gelobten Werke als Komponistin bedürfen noch einer weiteren Würdigung und Veröffentlichung. Wünschenswert, so die Musikwissenschaftlerin Ulrike Keil, wären eine Aufführung ihrer Orchesterlieder und des Klavierkonzerts.

Schriftstellerin
Bedeutsam ist ihre schriftstellerische Tätigkeit seit Mitte der 50er Jahre. Neben einem autobiographisch geprägten Roman „Musik des Schweigens“ erschienen auch lebendig geschriebene Biographien über die heilige Rita von Cascia, die deutsche Mystikerin Dorothea von Mantau, den Gründer der Legion Mariens, den Iren Frank Duff, den Gründer des Rosenkranz-Sühnekreuzzuges, Pater Petrus Pavlicek und die italienische Ärztin Gianna Beretta Molla, die heilig gesprochen wurde. Ebenso erschienen 1995 in zweiter Auflage ihre theologischen Betrachtungen „Wunderbare Mutter“ zur Stellung und Bedeutung Mariens. 2020 erhielt die Legion in Frankfurt das von Hilde Firtel erstellte Manuskript eines Hörspiels „Die beiden Tullien“, das in der Königszeit Roms im 6. Jahrhundert vor Christus spielt.

Übersetzerin
Mit fließenden Kenntnissen in Englisch, Französisch und Italienisch übersetzte sie grundlegende theologische Werke wie das „Goldene Buch der vollkommenen Hingabe an Maria“ des heiligen Ludwig Maria Grignion de Montfort und „Maria im Plane Gottes“ von Leon-Joseph Kardinal Suenens. In der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt werden mehr als 30 Bücher und Übersetzungen von Hilde Firtel aufbewahrt. Als Übersetzerin und Dolmetscherin war sie auch 1947 bei den Nürnberger Militärgerichtsprozessen im Auftrag der US-Armee tätig.

Wir danken Walter Flick für seine freundliche Erlaubnis zur Veröffentlichung dieses Artikels. – Erstabdruck des Beitrags in „die Stimme der Legion“, Nr. 3/2022
Unser Autor ist IGFM-Referent „Religionsfreiheit“ i.R., Vorstandsmitglied der Stephanus-Stiftung für verfolgte Christen und in der Legion Mariens 1. Schriftführer und Peregrinatio-Beauftragter im Senatus Frankfurt (höchster Rat der Legion Mariens in Deutschland).

Firtel-Fotos: Senatus Frankfurt der Legion Mariens

Kommentare

3 Antworten

  1. Ich danke dieser begabten Frau und überzeugten Christin und Freundin Mariens überaus. Ich kannte sie bisher nicht, werde mich aber sehr mit Frau Firtel beschäftigen.

  2. Hat das Gesetz dem Christen nun gar nichts mehr zu sagen?

    https://www.soundwords.de/das-gesetz-a648.html#h-6

    10. Juli 2018 | Bibellehre und Auslegung, Klartext
    Sollen Christen den Sabbat halten?

    Rudolf Ebertshäuser

    Immer wieder erhalte ich Anfragen von Christen, die verunsichert sind, ob sie das Gebot des Sabbats halten sollen. An dieser Stelle möchte ich einmal kurz darlegen, weshalb ich glaube, daß es für uns Christusgläubige nicht nur unnötig, sondern geradezu falsch ist, den Sabbat zu halten.

    https://das-wort-der-wahrheit.de/2018/07/sollen-christen-den-sabbat-halten/

  3. Für mich ist es schon ein besonderes Zeichen der Gnade Gottes, dass es ausgerechnet eine konvertierte Jüdin war, die nach diesem schrecklichen Weltkrieg die Ausbreitung der Legion Mariens in Deutschland bewirkt hat.
    Ein Zeichen, mit dem Gott vielleicht sagen wollte, dass es Deutschland noch nicht verworfen hat, trotz aller Gräuel, die dieses Land durch den 2. Weltkrieg und dem Holocaust an den Juden angerichtet hat.
    Daran sollten wir als Christen auch in der heutigen Zeit denken, wenn uns durch die politischen und gesellschaftlichen Geschehnisse in diesem Land manchmal der Mut verlässt.

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