Top-Beiträge

Links

Das Zeichen sieht er prächtig aufgerichtet, das aller Welt zu Trost und Hoffnung steht

Aus Goethes Gedicht „Die Geheimnisse“:

Ermüdet von des Tages langer Reise,
Die auf erhabnen Antrieb er getan,
An einem Stab, nach frommer Wand’rer Weise
Kam Bruder Markus, außer Steg und Bahn,
Verlangend nach geringem Trank und Speise,
In einem Tal am schönen Abend an,
Voll Hoffnung, in den waldbewachs’nen Gründen
Ein gastfrei Dach für diese Nacht zu finden.

Am steilen Berge, der nun vor ihm stehet,
Glaubt er die Spuren eines Wegs zu sehn,
Er folgt dem Pfade, der in Krümmen gehet,
Und muß sich steigend um die Felsen drehn;
Bald sieht er sich hoch über’s Tal erhöhet,
Die Sonne scheint ihm wieder freundlich schön,
Und bald sieht er, mit innigem Vergnügen,
Den Gipfel nah‘ vor seinen Augen liegen.

Und nebenhin die Sonne, die im Neigen
Noch prachtvoll zwischen dunkeln Wolken thront:
Er sammelt Kraft, die Höhe zu ersteigen,
Dort hofft er seine Mühe bald belohnt.
Nun, spricht er zu sich selbst, nun muß sich zeigen,
Ob etwas Menschlichs in der Nähe wohnt!
Er steigt und horcht, und ist wie neu geboren,
Ein Glockenklang erschallt in seinen Ohren.

Und wie er nun den Gipfel ganz erstiegen,
Sieht er ein nahes, sanft geschwungnes Tal,
Sein stilles Auge leuchtet von Vergnügen;
Denn vor dem Walde sieht er auf einmal
In grüner Au‘ ein schön Gebäude liegen,
So eben trifft’s der letzte Sonnenstrahl:
Er eilt durch Wiesen, die der Tau befeuchtet,
Dem Kloster zu, das ihm entgegen leuchtet.

Schon sieht er dicht sich vor dem stillen Orte,
Der seinen Geist mit Ruh‘ und Hoffnung füllt,
Und auf dem Bogen der geschloss’nen Pforte
Erblickt er ein geheimnisvolles Bild.
Er steht und sinnt, und lispelt leise Worte
Der Andacht, die in seinem Herzen quillt,
Er steht und sinnt, was hat das zu bedeuten?
Die Sonne sinkt, und es verklingt das Läuten!

Das Zeichen sieht er prächtig aufgerichtet,
Das aller Welt zu Trost und Hoffnung steht,
Zu dem viel tausend Geister sich verpflichtet,
Zu dem viel tausend Herzen warm gefleht,
Das die Gewalt des bittern Tod’s vernichtet,
Das in so mancher Siegesfahne weht:
Ein Labequell durchdringt die matten Glieder,
Er sieht das Kreuz, und schlägt die Augen nieder.

Er fühlet neu, was dort für Heil entsprungen,
Den Glauben fühlt er einer halben Welt;
Doch von ganz neuem Sinn wird er durchdrungen,
Wie sich das Bild ihm hier vor Augen stellt;

Es steht das Kreuz mit Rosen dicht umschlungen.
Wer hat dem Kreuze Rosen zugesellt?
Es schwillt der Kranz, um recht von allen Seiten
Das schroffe Herz mit Weichheit zu begleiten.

Und leichte Silberhimmelswolken schweben,
Mit Kreuz und Rosen sich empor zu schwingen,
Und aus der Mitte quillt ein heilig Leben
Dreifacher Strahlen, die aus einem Punkte dringen;
Von keinen Worten ist das Bild umgeben,
Die dem Geheimnis Sinn und Klarheit bringen.
Im Dämmerschein, der immer tiefer grauet,
Steht er und sinnt – und fühlet sich erbauet.

Johann Wolfgang von Goethe

.

Titelbild: Anton Leuter

Kommentare

4 Kommentare

  1. Die Tage las ich noch: NICHT das Kreuz ist das Heil, sondern DER, DER für uns am Kreuze hing! Das Kreuz als solches sind nur 2 Holzbalken. Viele, AUßER Jesus Christus, hingen am Kreuz. Den Unterschied macht der gekreuzigte GOTTESSOHN.
    ER wurde zum Heil für alle, die an IHN glauben, nicht das Holzkreuz. Von Jesus Christus spricht Goethe nicht, sondern vom Kreuz. Goethe, war er gläubig?

    1. @Preußenopa:

      Johann Wolfgang von Goethe war ein Pantheist, hatte aber während seiner Studienzeit Kontakt zur christlichen pietistischen Herrnhuterin und Stiftsdame Susanne Katharina von Klettenberg mit der er gemeinsam hermetische Mystik studierte. Dazu zählten Werke der Alchemie wie auch der mystischen Kabbalah.
      https://de.wikipedia.org/wiki/Susanne_von_Klettenberg
      In dieser Zeit näherte er sich als Erwachsener vorübergehend dem Christentum an.
      Das Kreuz wurde schon im frühen Urchristentum als Zeichen Gottes verehrt.
      Es stimmt allerdings, dass im Katholizismus der gekreuzigte Christus auch meiner Meinung nach zu sehr in den Mittelpunkt der Verehrung getreten ist. Nach der Kreuzigung folgt die Auferstehung. Man sollte, wie in der Orthodoxie bzw. den orthodoxen und orientalischen Kirchen des Ostens, mehr den siegreichen, auferstandenen Christus als göttlichen Erlöser verehren.

      1. Guten Tag,
        Goethe hatte zwar gewisse pantheistische Neigungen, sein Glaubens- und Lebensgefühl war ziemlich naturreligiös, er war aber insgesamt kein Pantheist. Ich habe genug von Goethe gelesen, um das einschätzen zu können. Sein Gottesbild war insgesamt theistisch (Vernunf-Gott der Philosophen), allenfalls tendenziell deistisch (der ferne Gott der Freimaurerei).
        Freundlichen Gruß
        Felizitas Küble

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Kategorien

Kategorien

Aktuelle Beiträge

Archiv

Archiv

Artikel-Kalender

April 2026
M D M D F S S
 12345
6789101112
13141516171819
20212223242526
27282930  

KOMM-MIT-Kalender

Erfahren Sie mehr über den "KOMM-MIT-Kalender"

Blog Stats

1340163
Total views : 10420860

Aktuelle Informationen und Beiträge abonnieren!

Bitte geben Sie Ihre E-Mail-Adresse an, wenn Sie kostenlos über neu erschienene Blog-Beiträge informiert werden möchten.