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Unsere katholische Gastautorin Barbara Dyba-Roth vollendet am heutigen 5. März 2026 ihr 90. Lebensjahr. Die Apothekerin ist Schwester von Erzbischof Johannes Dyba, dem legendären „Löwen von Fulda“.

Neben ihrer Familie (verheiratet, drei Kinder) und ihrem Beruf hat sie sich stets besonders für den Glauben, die Kirche und den Lebensschutz eingesetzt – auch innerhalb der CDU. So war sie u.a. 25 Jahre CDU-Stadträtin in Sindelfingen.
Auch im Bundesvorstand sowie im Landesvorstand Baden-Württembergs der „Christdemokraten für das Leben“ (CDL) war Frau Dyba-Roth aktiv. 

Als Kuratoriumsmitglied im „Forum deutscher Katholiken“ engagierte sie sich für den jährlichen Kongreß „Freude am Glauben“, der wesentlich von ihrem Bruder, dem vor 26 Jahren verstorbenen Bischof Dyba von Fulda, angeregt worden war.
Das Titelbild zeigt sie bei einer kraftvollen Rede auf dieser Großveranstaltung.

Wir kennen und schätzen Frau Dyba-Roth seit über 20 Jahren und haben uns immer sehr gefreut, wenn wir sie beim Glaubenskongreß wieder persönlich treffen konnten. 

Der folgende Artikel aus ihrer „Feder“, der lebendig, gehaltvoll und anschaulich über das Leben und Wirken ihres Bruders Johannes berichtet, stammt aus unserem Gedenkband „Der Löwe von Fulda“:

Barbara Dyba-Roth

Geliebt, gehasst und unvergessen:

Erzbischof Johannes Dyba – aktueller denn je

Warum hält man eigentlich 15 Jahre nach dem Tod von Erzbischof Dyba eine Rückschau auf sein Leben und seine Botschaft? Geht es um ein respektvolles Zurückerinnern an einen katholischen Oberhirten, der sein Wächteramt furcht- und kompromisslos wahrgenommen hat oder geht es mir als Schwester um eine Aufarbeitung seines so plötzlichen Todes, der auch nach 15 Jahren noch schmerzt?

Beide Vermutungen sind vollkommen falsch. Es geht hier um etwas ganz anderes, nämlich um die unglaubliche Aktualität seines geistlichen Erbes. Johannes Dybas Gedanken sind brandaktuell, und man kann im Nachhinein sagen, dass alles von dem, was er prophezeite, – leider – Wahrheit geworden ist.

Nur einige Stichworte: Abtreibung, assistierter Suizid, eingetragene homosexuelle Partnerschaften, die Ehen rechtlich gleich gestellt werden sollen, die ganze Genderdebatte – all dies sind Dinge, die er voraus sah und vor denen er häufig warnte.i Immer wieder berichten mir Leute, dass er zu allem, was uns heute unter den Nägeln brennt, tagesaktuell Stellung bezogen hat.

Ein untrügliches Zeichen seiner Aktualität ist auch die Tatsache, dass er bei Freund und Feind noch so lebendig ist, dass er bis auf den heutigen Tag starke Emotionen hervorruft.

Sein Grab im Fuldaer Dom wird das ganze Jahr über von Betern besucht. Veranstaltungen zum Lebensrecht oder zur Neuevangelisierung, wie z.B. der alljährlich stattfindende Kongress „Freude am Glauben“, berufen sich auf ihn als geistlichen Vater. Posthum wurde ihm von der Stiftung Humanum 2003 der Augustin-Bea-Preis in unserer Hauptstadt Berlin verliehen, den meine Schwester Maria Hagemann und ich stellvertretend für ihn entgegennehmen konnten. 

Auf der anderen Seite beschäftigt seine Kompromisslosigkeit Dybas Gegner noch so sehr, dass man Angst vor einem „neuen Dyba“ hat, wenn konservative Bischofspersönlichkeiten – die es in Deutschland nicht häufig gibt – einmal etwas klarere Töne anschlagen.

Sein geistliches Erbe gibt uns klare pastorale und spirituelle Wegweisungen für die Zukunft, welche die Kirche von heute, unsere Gesellschaft und wir alle dringend brauchen. Sein Wahlspruch – „Filii Dei sumus“, Kinder Gottes sind wir – bringt dies zum Ausdruck. Unsere Zukunft, unsere endgültige Bestimmung, davon war er überzeugt, ist nichts anderes als die vollkommene Freude bei Gott, die ewige Seligkeit.

Die Freude der Kinder Gottes sollte sich wie ein afrikanisches Buschfeuer unter uns ausbreiten. So formulierte er es bei seinem Amtsantritt 1983 auf dem Domplatz in Fulda. Und da ist Erzbischof Dyba übrigens ganz nah bei Papst Franziskus, für den die Freude ebenfalls ein Programmpunkt seines Pontifikats ist.

Diese unauslöschliche Freude sowie seine absolute Furchtlosigkeit – jeder, der ihn persönlich kennengelernt hat, weiß, was für ein freudiger, humorvoller und unerschrockener Mensch er war – erwuchsen ihm aus seinem stärksten Wesensmerkmal, seinem unerschütterlichen Glauben. Hinzu kam sein Blick für das Wesentliche, damit verbunden seine prophetischen Vorhersagen.

Seine Mahnungen bleiben hochaktuell

In einer Zeit, wo unser Nachwuchs im Mutterleib, natürlich nach vorheriger Beratung, zur Tötung freigegeben wird, wo jede zweite Schwangerschaft problematisiert und jede dritte abgebrochen wird, wo die Diskussionen über bioethische Fragen, assistiertem Suizid und die Unauflöslichkeit der Ehe die Kirche und die Gesellschaft spalten, sind seine Mahnungen weiterhin hochaktuell.

Vor allem für den Schutz des menschlichen Lebens setzte er seine ganze Lebenskraft – und ich meine wirklich die ganze, psychisch wie physisch – ein. Und zwar von Anfang an, für das ungeborene wie das geborene, für das behinderte wie das gesunde, gleichermaßen für das junge wie das alte.

Zu diesem Lebensschutz von Anfang an bis zu seinem menschenwürdigen, christgemäßen Tod wurde er nicht müde, immer wieder die Gläubigen aufzurufen. Sie alle wissen, als die „Fristentötung“ nach vorheriger Beratung (hier von „Lösung“ zu sprechen, empfand er als schaurigen Zynismus) zum Gesetz wurde, stieg er als einziger deutscher Bischof mit seinem Bistum Fulda am Michaelstag, dem 29. September 1993, aus der Einbindung in das staatliche Abtreibungssystem aus und wurde so zur singulären Bischofsgestalt im deutschen Episkopat.

Er baute damals ein diözesanes Beratungs- und Hilfsnetz auf und förderte mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln den bischöflichen Hilfsfonds „Mütter in Not“, der bis heute vielen Frauen in Konfliktsituationen zur Seite steht.

Als nach sechsjährigem Hin- und Hertaktieren der Streit endlich ganz in seinem Sinne entschieden wurde, empfand er dies nicht als Triumph; er war nur froh, dass der Kampf endlich vorbei war. Für ihn war es unfassbar, dass er so lange gedauert hatte. Die Zukunft der Kirche aber sah er in einer radikalen Umkehr zu einer offensiven Neuevangelisierung in Liebe und Treue zu Kirche, auch hier ganz dem jetzigen Papst Franziskus ähnlich.

So zeigen sich in einem ersten Resümee bei Johannes Dyba vier Charaktereigenschaften bzw. sein Leben bestimmende Schwerpunkte:

1) Sein fröhliches Naturell aus dem Wissen heraus, dass wir Kinder Gottes sind, von ihm geliebt und bei ihm geborgen.

2) Seine absolute Furchtlosigkeit, die ihm den Mut zum Alleingang gab (als es z.B. um den Ausstieg aus der „Scheinberatung“ ging).

3) Sein unbeugsamer Glaube, der ihn u.a. auch optimistisch an das Gelingen einer Neuevangelisierung in unserer Kirche in Deutschland und in Europa glauben ließ.

4) Sein Blick für das Wesentliche sowie die damit verbundenen prophetischen Vorhersagen.

Diese vier Punkte sollen im Folgenden etwas vertieft werden.

1.) Zu seinem fröhlichen Naturell braucht hier nicht viel gesagt zu werden, da alle sein tiefgründiger Humor alle, die ihn kennengelernt haben, immer wieder faszinierte. Vielen hat er damit auch aus dunklen Stunden heraus geholfen.

2.) Zur Furchtlosigkeit: Der Alleingang in der Abtreibungsfrage hat unendlich viel Mut erfordert. Es hat ihn natürlich geschmerzt, dass viele aus den eigenen Reihen, die genau so dachten wie er, nicht den Mut aufbrachten, in der Öffentlichkeit zu ihrer Überzeugung, geschweige denn zu ihm, zu stehen. Für Gott und seine geliebte Kirche konnte er im wahrsten Sinne des Wortes todesmutig sein. Hierzu eine kleine, aber einmalige Episode:

Nach seiner Bischofswahl am 13. Oktober 1979 in Köln vertrat er den Apostolischen Stuhl in Westafrika mit Sitz in der liberianischen Hauptstadt Monrovia, die ja im letzten Jahr durch die vielen Ebolaopfer erneut in traurige Schlagzeilen geraten ist.

Immer wieder höre ich von Priestern, die nach Deutschland kommen, wie er in Liberia wegen seiner großen Hilfsbereitschaft, seiner Freundlichkeit – ein Bischof ganz zum Anfassen – und wegen seines unglaublichen Mutes gegenüber den jeweiligen Politikern bei der Bevölkerung beliebt war und es noch ist.

Er widerstand den Mächtigen

Man erzählt sich dort noch heute die Geschichte, wie Johannes Dyba mit zwei liberianischen Bischöfen ins Flugzeug stieg, um nach Freetown ins Nachbarland Sierra Leone zu fliegen. Als alle Passagiere eingestiegen waren und das Flugzeug startklar war, erschien plötzlich der Minister für Jugend und Sport und befahl allen auszusteigen, da er mit der Fußballnationalmannschaft nach Gambia fliegen wollte. Die Fluggäste murrten, aber verließen angstvoll das Flugzeug.

Wieder draußen, schnappte sich Johannes Dyba die beiden Bischöfe, stellte sich mit ihnen vor die Maschine und sagte zum Minister gewandt: „…dann müsst ihr über uns hinweg rollen.“ – Der Minister war verblüfft. Es war totenstill. Die Passagiere warteten angstvoll und gespannt, was passieren würde. Die Lage war sehr ernst, Soldaten rückten an. Man telefonierte mit dem Präsidenten des Landes Samuel K. Doe.

Schließlich kam die Nachricht, die Fußballmannschaft müsse das Flugzeug verlassen, die Maschine konnte nach Freetown unter dem begeisterten Jubel der Passagiere starten.

Was können wir daraus lernen? Sicherlich nicht, dass man sich vor ein Flugzeug werfen soll. Aber etwas von dieser Zivilcourage fehlt uns häufig, wenn es z.B. darum geht, sich für den Erhalt der Glaubenswahrheiten in unserer Kirche und in der Gesellschaft einzusetzen.

3.) Kommen wir zu seinem Glauben: Ich habe noch nie einen Menschen mit einem so tiefen Glauben kennen gelernt wie meinen Bruder. Es war der sprichwörtlich „Berge versetzende Glaube“, deshalb konnte er auch den Glauben so klar und furchtlos verkünden. „Gott ist da und er liebt uns“ – das war sein 7-Worte-Kurzkompendium des Glaubens. 

Manchmal konnte dieser Glaube für mich auch etwas seltsame Blüten treiben. Ich bin von Beruf Apothekerin – und als ich ihm einmal einen Plan aufstellte, welche Tabletten und Sprays er für Herz und Bronchien nehmen sollte, sah er mich mit seinem entwaffnenden Lächeln an und sagte: „Es heißt: ‚Kein Auge hat es gesehen und kein Ohr hat es gehört, was Gott denen bereitet hat, die ihn lieben‘ (vgl. 1 Kor 2, 9). Und dann komme ich in den Himmel und sehe all’ diese Herrlichkeit und dann denke ich, wenn ich nun alle die Medikamente von Bärbel nicht genommen hätte, all’ diese Herrlichkeit hätte ich dann schon 10 Jahre früher haben können.“

Wer hier schmunzelt – und das tun die meisten –, möge einen Augenblick inne halten und sich überlegen, was der Grund hierfür ist…

Vor allem war es ihm immer wichtig, aufzuzeigen, dass es Werte ohne Glauben nicht gibt. Nach großen Katastrophen – denken wir nur an diverse Amokläufe an Schulen, die es auch zu seiner Zeit schon gab – sagte er:

„Da schreit vom Bundespräsidenten bis zum letzten Sonntagsredner plötzlich alles nach Werten. Aber wo sollen sie herkommen? Werte wachsen ja nicht auf der grünen Wiese, die Werte, die unsere christlich-abendländische Gesellschaft intakt gehalten haben, sind ja Früchte am Baum des Glaubens und der entsprechenden Erziehung. Wenn der Glaube nicht weitergegeben wird, können auch keine Werte weitergegeben werden.“

In einem Vortrag auf der Dießener Sommerakademie 1998ii (zwei Jahre vor seinem Tod) sagte er über die Notwendigkeit des Glaubens:

Ich will das einmal an einem krassen Beispiel klar machen: Abtreibung: Wenn ich glaube, dass jedes Kind im Mutterleib von Anfang an von Gott gewollt und ins Dasein gerufen ist, dann verstehe ich, dass kein Mensch die Hand gegen einen solchen Schöpfungsakt Gottes erheben kann.

Wenn ich das aber nicht glaube, wenn ich glaube, das war ein ‚Verkehrsunfall’ (‚Mal wieder nicht aufgepasst’), dann sind die Leute natürlich fassungslos, wenn wir kommen und sagen: ‚Das darfst Du nicht!’ – Das verstehen die gar nicht: ‚Was will denn die Kirche sich hier in mein intimes Leben einmischen?’ – Das ist diese völlige Verständnislosigkeit, der wir da begegnen. Also, was wir sehen müssen: Ohne Glaube können wir keine Werte haben und ohne Werte keine wirklich funktionierende Moral.“

Technischer Fortschritt und sittlicher Verfall

Aus vielen Beispielen, mit denen er dies seinen Zuhörern klar machte, sollen nur noch zwei genannt werden, die ebenfalls aus dem Vortrag in Dießen stammen und weiterhin von beklemmender Aktualität sind:

Wir haben also großen technischen Fortschritt und gleichzeitig sittlichen Verfall. Vor 40 Jahren dauerte ein Flug von Frankfurt nach London an sich länger als heute. Die hatten Propellermaschinen – wir haben heute Düsenmaschinen. Wir haben ferngesteuerte Landehilfen, Reservierungs-Computer, elektronisch gesteuerte Gepäckbeförderung. Wir haben die Sache also enorm modernisiert, wir hätten die Reisezeit Frankfurt – London halbieren können.

Tatsächlich dauert es heute aber länger von Frankfurt nach London zu fliegen als vor 40 Jahren, weil wir nämlich eine Stunde vorher da sein müssen. Für das Sicherheitspersonal bedeutet das enorme Kosten, verlorene Stunden für Passagiere und Besatzung und Sicherheitsvorkehrungen aller Art.

So kann der Verlust beim sittlichen Standard, dieser eine einzige Konsensverlust, nämlich dass Flugzeuge tabu sind, dass ich sie nicht in die Luft sprengen und keine Geiseln nehmen darf, den Gewinn beim technischen Standard sozial gesehen völlig auffressen. Und das tut er auch. Es ist ja noch ein bescheidenes Beispiel, wenn ich an die Bedrohung in anderen Sektoren denke.

Ein weitaus massiveres Beispiel wäre etwa die soziale Sicherung bei den Krankenkassen. Die Krankenkassen basieren auf dem System, dass niemand durch schwere Krankheit völlig ruiniert werden darf. Die Gesunden sollen zahlen – und Gott auf den Knien danken, dass sie gesund sind, und den wirklich Kranken soll geholfen werden.

Wenn aber jetzt dieses gesunde Prinzip so pervertiert wird, dass jeder denkt: ‚Wenn ich nicht mindestens soviel rauskriege, wie ich da reinzahle, dann bin ich ja der Dumme.’, da geht natürlich das ganze System zum Teufel. Dann passen die Gesunden auf, dass sie mindestens soviel an Kuren und weiß ich was rauskriegen, wie sie reinzahlen – und alles ist im Minus. Das eine steht also dafür, dass der technisch soziale Fortschritt aufgefressen wird. Das zweite – der Wegfall der Werte, in denen man ja geborgen war – bringt das Einbrechen der Angst.“

Und hier zitierte er gerne Bismarck, der vor über 100 Jahren sagte:

„Wir Deutschen fürchten Gott und sonst nichts auf der Welt.“ – „Heute fürchten wir zwar nicht mehr Gott, aber sonst ziemlich alles auf der Welt. Heute nach 100 Jahren Fortschritt von der ‚versklavenden‘ Moral treibt unsere Gesellschaft doch geradezu in eine Inflation der Ängste hinein. Angst vor Krieg, Angst vor der Wirtschaftskrise, vor der Arbeitslosigkeit, vor Krankheit, vor einer nicht zahlenden Krankenkasse, Angst vor dem Alter, vor der Vereinsamung, Angst vor dem zu frühen Tod, weil sich Operationen und teure Therapien nicht mehr lohnen, Angst vor dem Tod und vor dem, was nach dem Tod kommt.“

Klare pastorale und spirituelle Wegweisung für uns ist also: Das Wegbrechen der Werte muss durch uns verhindert werden und zwar durch die Weitergabe des Glaubens. Zudem dürfen wir den Fortschritt nicht mehr so naiv sehen.

BILD: Barbara Dyba-Roth mit ihren drei Kindern und ihrem Bruder Johannes

In seinem Buch „Worte in die Zeit“ von 1994 schreibt er:
„Wenn demnächst, wie bei der jetzigen Entwicklung mit Sicherheit zu erwarten ist, der bereits gefundenen sanften Baby-Tötungspille die sanfte Einschläferungspille für Oma und Opa folgt, dann ist das rein pharmazeutisch gesehen zwar ein Fortschritt, menschlich gesehen aber ein Rückschritt in die Ära steinzeitlicher Nomaden, die vor dem Weiterziehen ihre hilflosen Alten im Schnee zurückließen, weil sie für die Stämme eine unzumutbare Belastung darstellten.“

Gefahr der „Entsorgung“ für alte und kranke Menschen

Für solche und andere Aussagen, die man als unverzeihliche Schwarzmalerei brandmarkte, haben ihn viele Politiker kritisiert. Heute kennzeichnen gerade diese Aussagen ihn als Realisten. Denken wir an die Gesetze zum assistierten Suizid in den Niederlanden und in Belgien, die in Belgien jetzt auch bei Kindern angewandt werden können.

Es ist höchst wahrscheinlich, dass auch bei uns in Deutschland der Tag kommt, an dem das Selbstbestimmungsrecht sterbenskranker Menschen über das Tötungsverbot gestellt wird, zumal die Mehrheit der Bevölkerung für ein solches Selbstbestimmungsrecht ist.

Schon vor Jahren wurden Vorschläge gemacht, alten Menschen die künstlichen Hüftgelenke zu streichen oder ab 75 Jahren keine kostspieligen Operationen, etwa bei Krebs- und Kreislauferkrankungen, keine Dialysebehandlung oder andere teure Therapien mehr zu genehmigen. Der alte und kranke Mensch soll „entsorgt“ werden, so kann man manchmal den Eindruck haben.

Erzbischof Dyba ging es aber auch um die Weitergabe des Glaubens. Immer wieder betonte er, wie wichtig es sei, dass wir selbst fest im Glauben verwurzelt sind. Ein geflügeltes Wort meines Bruders war: „Einmal so richtig durchglauben“.

Durchglauben“, was Gott geoffenbart hat und uns im Credo der Kirche gelehrt wird. Wenn wir so im Glauben verwurzelt sind, dann können wir den Glauben auch weitergeben. Und das Zweite: Wir müssen unseren Glauben kennen. Wir sollten uns immer wieder selbstkritisch fragen: Was tun wir eigentlich, um unseren Glauben besser kennenzulernen?

Es fehlt oft am einfachsten religiösen Grundwissen. Wer kennt eigentlich noch den katholischen Katechismus, die fünf Kirchengebote (schön, dass sie jetzt im neuen Gotteslob unter der Nr. 29,7 wieder auftauchen), was können wir noch an Heiligenlegenden weiter erzählen, z.B. unseren Kindern und Enkeln am Namenstag?

Auch wenn ich weiß, dass wir mitarbeitenden und mitdenkenden Laien ein großes Glück für unsere Kirche sind, so muss doch die Frage erlaubt sein, ob die unsere Kinder auf Beichte, Erstkommunion oder Firmung Vorbereitenden wirklich die elementaren Grundkenntnisse des Wesens dieser Sakramente besitzen.

Auch brauchen wir, mindestens in unseren katholischen Kindergärten und Privatschulen, viel mehr überzeugte Christen, die ihren Glauben wirklich kennen.

Als Kardinal Joachim Meisner einmal in dieses Wespennest stieß, wurde er sofort von dem damaligen Vertreter des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Hans-Bernhard Meyer, in aller Öffentlichkeit aufs schärfste gemaßregelt. Was sich heute ein Bischof alles gefallen lassen muss, ist eigentlich schrecklich. Über den „Fall“ Tebartz van Elst möchte ich gar nicht sprechen.

Es ist wahrlich sehr schwer, heute Bischof zu sein. In solchen Situationen sollten wir unseren Oberhirten viel mehr den Rücken stärken und vor allem für sie beten. Spinnen Sie mal den Gedanken weiter, wie herrlich es wäre, wenn alle, die unter dem Dach unserer katholischen Kirche Brot, Arbeit und Pension finden, überzeugte Katholiken wären, die unseren Glauben wirklich kennen.

Wir müssen also zuerst selber fest im Glauben stehen, zweitens unseren Glauben kennen und drittens fordert uns Johannes Dyba auf, unseren Glauben auch mutig und furchtlos zu bekennen – und zwar überall: im Alltag, am Arbeitsplatz, in der Politik und auch in unseren kirchlichen Gremien, z.B. im Pfarrgemeinderat. Haben wir doch den Mut dazu, auch wenn wir angegriffen werden. Auch ich habe schon verbal viele Schläge aus den eigenen Reihen einstecken müssen. Trösten wir uns dann einfach damit, dass Christus gesagt hat: „Wer mich vor den Menschen bekennt, den werde ich vor dem Vater bekennen“ (vgl. Mt 10,32).

Die Kirche hat eine riesige Botschaft

Unverschämt katholisch“ – das war Johannes Dyba. Er würde vielleicht sagen: „Das ist besser als verschämt katholisch!“ – Es geht darum, dass wir uns nie und nirgends unseres Glaubens zu schämen brauchen, dass wir ihn überall in der Öffentlichkeit ohne Scham bekennen sollen:
„Die Kirche hat eine riesige Botschaft: Das Heil, das endlose Glück des Menschen. Deswegen sollte sie nicht dastehen, als würde sie alte Semmeln verkaufen. Sie muss mit mehr Selbstbewusstsein auftreten, sie sollte unverschämt katholisch sein.“

Dieser Aufgabe hatte er sein Leben verschrieben und er fordert jeden einzelnen von uns auf, das Gleiche zu tun.

Wie kann das konkret für uns aussehen? Wenn wir z.B. zu Hause vor und nach dem Essen beten, warum tun wir dies nicht auch ganz selbstverständlich im Restaurant? Ich war schon auf vielen katholischen Gemeindefesten, wo man gemeinsam zu Mittag aß und kein Mensch weit und breit vor oder nach dem Essen betete. Wir haben viel zu wenig unseren Glauben bekennende Christen in Ehrenämtern, in der Politik, im Journalismus.

Wir glauben immer, wir könnten nichts ausrichten; das Gegenteil ist der Fall. Sprechen Sie mit Ihren Abgeordneten, schreiben Sie Briefe, auch an die Fernsehsender, gegen Pornographie und Gewalt, protestieren Sie gegen blasphemische Karikaturen, die sich als Satire ausgeben.

Bei einem Vortrag sagte mir einmal ein bayerischer Europaabgeordneter: „Wenn einer unserer Volksvertreter zu einem Thema drei oder mehr Briefe erhält, argwöhnt er bereits voller Angst eine dahinter stehende Volksbewegung.“

Aktivieren Sie also ihre Familie, ihre Freunde, ihre Bekannten zum Briefe schreiben und protestieren, wenn unser Glaube verhöhnt und christliche Werte mit Füßen getreten werden, wie etwa in dem unseligen Bildungsplan, der von der rot-grünen Landesregierung für die Schulen in Baden-Württemberg vorgesehen ist, in dem das Erziehungsrecht der Eltern missachtet und die Anstandslinien im sittlichen Bereich eindeutig überschritten werden. Wir können den Werteverlust in unserer Gesellschaft nur aufhalten, wenn wir dafür sorgen, dass unser Glaube einfließt in den täglichen Prozess der Gesetzgebung.

Das gilt übrigens auch für die Europäische Union. Johannes Dyba hat sich schon zu einem sehr frühen Zeitpunkt zum Thema der Einbringung unserer christlichen abendländischen Werte in die Verfassung zu Wort gemeldet. So entstand bereits 1988 in der Reihe Straßburger Gespräche von ihm die Schrift: „Geistliche Grundlage der Europäischen Einigung“.  

In seinem vorausschauenden Schrifttum geht es ihm darum, die Grundsätze von Subsidiarität, Solidarität und Gemeinwohl neben der Goldenen Regel des Neuen Testaments und den vier Kardinaltugenden aus antiker christlicher Überlieferung als grundlegende Gestaltungskräfte für ein politisch geeintes Europa einzufordern.

Und was ist heute? Weder ein Gottesbezug noch ein Hinweis auf unser christlich-abendländisches Erbe ist in die Präambel der neuen europäischen Verfassung eingeflossen.

Das einzige, was geblieben ist, ist die Übernahme des sogenannten „Kirchenartikels“ aus dem Amsterdamer Vertrag in Art. 51 der Europäischen Verfassung. Er sichert den Kirchen und Religionsgemeinschaften zu, dass ihr jeweiliger Rechtsstatus in den EU-Mitgliedstaaten nicht durch europäisches Recht untergraben werden kann. Außerdem wird durch eine Erweiterung dieses Artikels den Kirchen zugesichert, dass man einen regelmäßigen institutionellen Dialog mit ihnen unterhält.

4.) Kommen wir schließlich noch zum Blick für das Wesentliche: Erzbischof Johannes Dyba ist in vielen Jahren im diplomatischen Dienst weit in der Welt herumgekommen. Von 1967 an wirkte er an den Nuntiaturen in Buenos Aires, Den Haag, Kinshasa und Kairo. Nach seiner Bischofsweihe am 13. Oktober 1979 in Köln vertrat er den Apostolischen Stuhl in Westafrika – und zwar in den Ländern Liberia, Gambia, Guinea und Sierra Leone (genau dort, wo letztes Jahr die furchtbare Ebolaepidemie wütete).

In all diesen Jahren hat er soviel Elend, Hunger, Armut und Krankheit, aber auch Gewalt und Christenverfolgung kennengelernt, dass er – nach Deutschland zurückgekehrt – gar kein Verständnis aufbringen konnte für die endlosen Dialoge, Diskussionen und Problemanalysen, die einer Kirchenkrise mit unendlichen Papierbergen und in zahlreichen Gremien zu Leibe rücken wollten, aber nichts lösten.

Er wollte die deutschen Christen aus ihrer Problemtrance herausführen, damit sie sich wieder auf das Wesentliche konzentrieren: den Glauben bekennen, ihn kompetent weitergeben, ihrem Nächsten helfen, Gott danken und beten.

Er hatte keine Lust, seine Lebenskraft in unfruchtbaren Debatten zu vergeuden. So empfahl er den jungen Priestern: „Konzentriert euch auf das Wesentliche, auf Eure Beziehung zu Jesus Christus, auf den Dienst an den Menschen und nicht auf unfruchtbare Diskussionen und letztlich sekundäre Strukturprobleme.“

Nicht zeitgemäß, sondern ewigkeitsgemäß

Er lebte nicht zeitgemäß, sondern ewigkeitsgemäß. Zu meinem jüngsten Sohn, der heute Professor für Liturgiewissenschaft und Spiritualität in Fulda und inzwischen seit 20 Jahren Priester ist, sagte er: „Ich werde doch jetzt nicht irgendwelche feigen Kompromisse eingehen, wenn ich weiß, dass ich in nicht allzu langer Zeit vor meinem ewigen Richter stehen werde.

Und zu mir, als ich ihm vorwarf, undiplomatisch zu sein, meinte er nur: „Wenn ich diplomatisch sein wollte, hätte ich Diplomat oder Jurist bleiben können, dann hätte ich nicht Priester werden dürfen.“

Seine Worte und seine Taten waren geprägt vom Blick für das Wesentliche, vom Blick auf die Ewigkeit. Das „Dios solo basta“ (Gott allein genügt) der hl. Theresa von Avila, deren 500. Geburtstag wir in diesem Jahr feiern, oder das „Mensch werde wesentlich“ des von ihm so geliebten Angelus Silesius hatte er sich zutiefst zu eigen gemacht.

Das ist auch heute noch spirituelle Wegweisung für uns: „Richte den Blick auf die Ewigkeit und lebe danach.“ – Die Zukunft der Kirche in Deutschland sah er daher in einer radikalen Umkehr zu einer offensiven Neuevangelisierung. Er war sehr glücklich über die neuen geistlichen Gemeinschaften, die für ihn die Hoffnungsträger der Kirche waren. In der Tat stehen sie für eine neue intensive Form der Nachfolge Christi.

Neuevangelisierung fängt aber immer bei uns selbst an. Das ist die Botschaft von Papst Franziskus in seinem Apostolischen Schreiben „Evangelii Gaudium“. Es war auch die Botschaft von Johannes Dyba.

Zusammenfassend kann man sagen: Den Glauben erneuern, ihn freudig leben und furchtlos bekennen, ihn weitergeben an unsere Kinder und Enkel, die christlichen Werte überall (selbst wenn es uns schwer fällt) immer wieder in unsere Gesellschaft einbringen – das ist Johannes Dybas Anruf an uns heute.

Er hat sich sehr gefreut, als er hörte, dass sich mit dem Kongress „Freude am Glauben“ kirchen- und papsttreue Christen zusammenfanden, um ein Gegengewicht zu denen unter uns zu sein, die in unserer Kirche nur allzu bereitwillig die Kirchenfenster und -türen dem Zeitgeist öffnen.

Johannes Dyba schreibt in dem Buchband „Worte in die Zeit“:
„Was unsere Kirche heute braucht, sind nicht so sehr Pharisäer, die sie dauernd auf die Probe stellen, nicht so sehr Schriftgelehrte, die sie dauernd kritisieren, nicht so sehr Tempelbeamte, die selbst das Allerheiligste nicht betreten und auch die anderen noch davon abhalten – nein, was diese Kirche braucht sind vielmehr Jünger, die dem Herrn folgen mit der ganzen Hingabe ihrer selbst, Jünger, die einander lieben und in dieser Liebe Kirche bauen und Kirche bilden in unserer Zeit.“

Redaktioneller HINWEIS: Unser Sammelband „Der Löwe von Fulda“ mit 33 namhaften Autoren, darunter drei Bischöfen, ist weiter im KOMM-MIT-Verlag erhältlich: Das Buch ist in 2. Auflage erschienen, durchgehend vierfarbig bebildert, fester Einband (Hardcover), 208 Seiten, ca 700 gr. schwer – Preis nur 14,80 Euro.
Bestellung bei uns: 0251-616768  oder per Mail: felizitas.kueble@web.de

Kommentare

7 Kommentare

  1. Liebe Frau Dyba-Roth,
    wir freuen uns, daß Sie noch bei uns sein dürfen und wünschen Ihnen noch viele frohe Tage, obwohl die Situation täglich schlechter
    wird, was den „Lebensschutz“ betrifft.
    Wir haben Sie über die CDL kennen- und schätzen gelernt als sehr mutige Frau.
    Wolfgang und Gabriele M a r x aus Ravensburg
    CDL, früher Kreisvorsitzende Ravensburg

  2. Gottes Segen an Frau Dyba-Roth zum neunzigern Geburtstag.

    Ich lernte Frau Dyba-Roth beim Kongress „Freude am Glauben“, persönlich kennen , und bewunderte ihr gesellschaftliches Engagement.
    Eine herzensgute starke Frau.

  3. An den Erzbischof Dyba habe ich sehr schöne Erinnerungen, die ich in Friedrichshafen vor langer Zeit gemacht habe. Bischof Dyba kam ganz einfach ohne Begleitung in die Zepelinhalle herein, womit ich ihn ansprechen konnte und Fotos von ihm gemacht habe. Seine Einfachheit und Freundlichkeit sind mir in guter Erinnerung.

    1. Sind Sie ein Zyniker oder, wie ich, ein Bewunderer des Löwen von Fulda?
      Klare Aussagen statt Wortspielen wären in diesem Falle besser, denke ich.

      1. Nein, kein Zyniker, natürlich achte ich den Erzbischof von Fulda, Johannes Dyba, sehr hoch! Es war nur ein kleines Wortspielchen, wir haben doch Humor, oder ?

    2. Naja, die „Löwin von Münster“ – oder „Münsterlöwin“ lassen wir mal raus. Die passt nicht in die Reihe….Ich denke mal, die gab`s gar nicht…. nur im Christlichen Forum…. 🙂 Belassen wir es bei den 3 Ehrenwerten!

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