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Ellwangen: Heimatvertriebene pilgerten zum 74. Mal auf den Schönenberg

Von  Stefan P. Teppert

Flüchtlinge und Heimatvertriebene des Zweiten Weltkriegs sowie deren Nachkommen pilgerten am 9. Juni 2024 zum 74. Mal zur Wallfahrtskirche auf den schwäbischen Schönenberg bei Ellwangen, eine erste und fortwährende Stätte ihres Wiedersehens nach Entwurzelung und Zerstreuung.

Das Motto der diesjährigen Wallfahrt lautete: „Begegnung mit Ostmittel- und Südosteuropa“.

Veranstalter war wiederum die Arbeitsgemeinschaft Katholischer Vertriebenenorganisationen (AKVO) in der Diözese Rottenburg-Stuttgart mit ihrem Geschäftsführer Prof. Dr. Rainer Bendel.

Am Portal der beliebten Wallfahrtskirche „Unsere Liebe Frau“, einem Juwel barocker Baukunst, überbrachte der Ellwanger Oberbürgermeister Michael Dambacher (siehe Foto) die Grüße des Gemeinderats und hieß die Gäste, darunter Trachten- und Fahnenträger aus dem Sudetenland, willkommen.

Fast ein ganzes Menschenalter sei vergangen, seit die Deutschen im Osten brutal vertrieben und entwurzelt wurden.

Anfangs hätten sie noch in der Erwartung gelebt, eines Tages in die alte Heimat zurückkehren zu können. Doch wegen der anhaltenden  Differenzen der politischen Systeme habe sich diese Hoffnung nie erfüllen lassen. Diejenigen aber, die nach Ellwangen kamen, hätten nicht nach Vergeltung getrachtet, sondern gebetet und tun dies auch heute für das friedliche Zusammenleben der Völker.

Was unser kleinmütig gewordenes Europa heute so dringend bräuchte, hätten die Vertriebenen uns vorgelebt, indem sie nicht verzweifelten, sondern eine ungemein schwierige Situation weitsichtig zu einer Erfolgsgeschichte wendeten. Dafür gebühre ihnen Dank, Anerkennung und Respekt der nachfolgenden Generation.

Dambacher dankte den Redemptoristen, die seit über 100 Jahren die Wallfahrten auf den Schönenberg betreuen und jährlich über 200.000 Besucher empfangen, sowie den Musikern des Musikvereins Rattstatt, die im Freien aufspielten. Zur 2026 anberaumten Landesgartenschau in seiner Stadt lud er vorsorglich ein.

Dekan Koschar: Wir stehen auf den Schultern der Vorfahren

Dekan Matthias Koschar (siehe Titelfoto), Geistlicher Beirat der Ackermann-Gemeinde und Bischöflicher Beauftragter für die Vertriebenen- und Aussiedlerseelsorge aus Tuttlingen, bedankte sich am Beginn des Gottesdienstes für den warmen Empfang auf dem Schönenberg, einem „Ort der Gottesbegegnung“ und einem „Leuchtturm des Glaubens“. 

Als Nachfolgegeneration der Heimatvertriebenen, die schmerzvolle Erfahrungen machen mussten, sollen wir auf den Schultern der Vorfahren stehen, für Frieden, Gerechtigkeit und Solidarität beten und alles dafür tun, dass Menschen in ihrer Heimat leben können.

In seiner Predigt verteidigte der Priester die biblische Erzählung von Adam und Eva im 1. Buch Mose.  Darin gehe es letztlich nicht um die Rolle der Geschlechter, sondern darum, was dem Menschen an Erkenntnis zusteht und wo die Grenzen zu sehen sind.

Der Philosoph Ernst Bloch habe sogar biblische Texte gegen die Theologie in Stellung gebracht und die These vertreten, dass der Homo sapiens die Schaffung paradiesischer Zustände in die eigene Hand nehmen müsse. Jedoch zeigten die Ergebnisse von menschlichen Heilsversprechen wie etwa der Französischen Revolution, des Nationalsozialismus und Marxismus wie auch Putins Angriffskrieg, dass Schreckliches geschehe, wo immer der Mensch Gott spielt und Allmachtsphantasien pflegt.

Dagegen seien Demut und Erdung notwendig, die Einsicht in menschliche Grenzen, die Achtung vor dem Geheimnis des Lebens. Unser irdisches Zelt sei vorläufig. Die Bosheit der Welt fange bei uns selbst an und in dem, was wir tun. Auch jeder Einzelne von uns gestalte die Welt.

Um die Entzweiung und Konkurrenz unter den Menschen zu überwinden, sei es angebracht, den christlichen Glauben neu zu ergreifen. Das Reich Gottes werde in der Grundsolidarität der christlichen Familie erfahrbar. Eine innere Heiterkeit des Daseins ergreife uns, wenn wir in Christus mit Gott versöhnt und in ihm geborgen sind.

Seine Auslegungen rundete der Dekan mit dem Zuspruch ab: „Gott liebt uns, trau es ihm doch zu!“

Zum Gedenken an die Opfer von Gewalt, Flucht und Vertreibung und an alle, die auch heute verfolgt sind und Heimat suchen, wurden von Frauen in Tracht brennende Kerzen zum Altar getragen: für die Ackermann-Gemeinde (Katholiken aus Böhmen, Mähren und österr. Schlesien), für den Hilfsbund karpatendeutscher Katholiken (Pressburg, Zips, Hauerland), für die Eichendorff-Gilde (Schlesien), für die Ermland-Familie (Ostpreußen, Bistum Ermland), für das St. Gerhardswerk (Südosteuropa), für das Bistum Rottenburg-Stuttgart.

Parlamentarier Mack würdigt die Vertriebenen und ihre Stuttgarter Charta von 1950

In der folgenden Glaubenskundgebung sprach der aus Ellwangen stammende Landtagsabgeordnete Winfried Mack (siehe Foto) eine Lobeshymne auf die Heimatvertriebenen als maßgebliche Gründer des modernen Europa.

Sie hätten bereits fünf Jahre nach dem Weltkrieg in ihrer 1950 in Stuttgart verkündeten Charta Weitsicht, Klarheit und menschliche Größe bewiesen, indem sie auf Rache und Vergeltung verzichten, ein geeintes freiheitliches Europa schaffen und am Wiederaufbau Deutschlands und Europas unermüdlich arbeiten wollten.

Dieses Dokument mit seinem „unglaublich starken Text“ sei ein großes Versprechen und ein Aufbruch in eine neue Zukunft. Im Bewusstsein ihrer Verantwortung vor Gott und den Menschen verkündeten die Heimatvertriebenen einen neuen Geist, der nationalem Egoismus, Diktatur und Gewaltherrschaft abschwor und für eine hellere Zukunft warb.

Die nachgeborenen Generationen könnten sich daran ein Beispiel nehmen. Jede Generation sei – stets bedroht vom Bösen – in ihre Zeit gestellt und müsse immer neu für Demokratie, Freiheit und Menschenrechte kämpfen, die keine Selbstläufer seien.

Die Heimatvertriebenen hätten die europäische Einigung schon 1950 in den Mittelpunkt ihres Konzeptes von einer friedlichen Zukunft gestellt, weil sie wussten, dass Europa ein in Jahrhunderten gewachsener, vom christlichen Glauben geprägter Kulturraum ist, wo trotz allen Leids und aller Schuld der Mensch im Mittelpunkt steht.

Die Menschenwürde werde aber nicht großzügig vom Staat verliehen, sondern komme aus der Hand Gottes. Sie gelte daher für alle Menschen, so verschieden sie sind. Europa sei ein vielfältiger Kontinent. Alles Uniforme sei uneuropäisch.

Allerdings sei bisher die kulturelle Frage hinter wirtschaftlichen und finanzpolitischen Notwendigkeiten zurückgeblieben. Ohne kulturelle Intention bleibe aber das europäische Einigungswerk unvollendet.

Ellwangen sei ein guter Ort, um das geistig-kulturelle Band um Europa immer wieder sichtbar zu machen und es in die Zukunft zu führen. Auf dem Schönenberg habe nach dem Krieg nicht nur der „Ellwanger Kreis“ getagt, um ein neues Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland vorzubereiten, sondern Ellwangen sei auch eine zentrale Stätte, wo der Hl. Methodius verehrt wird, der lange Zeit Bischof von Mähren war.

Die Brüder Kyrill und Methodius hatten einst versucht, die Bibel durch die Erfindung des kyrillischen Alphabets den Slawen verständlich zu machen. Sie seien Verbindungsbrücken zwischen der westlichen und der östlichen Tradition und Fürsprecher für die ökumenischen Anstrengungen der Schwesterkirchen.

Papst Johannes Paul II. ernannte sie 1980 zu Schutzpatronen Europas.

Entsprechend dem Motto der Wallfahrt stehe Ellwangen für das Band zwischen dem östlichen und westlichen Europa, zwischen seinen beiden Lungenflügeln. Europa bedeutet Frieden und Freiheit, schloss Mack. Vor diesem Geist habe Diktator Putin Angst. Wir alle aber hätten den Auftrag, unermüdlich am Haus Europa weiterzuarbeiten.

Die Marienandacht am Nachmittag zelebrierte wieder Dekan Matthias Koschar. Wie schon am Morgen oblag die musikalische Gestaltung dem Chor des Bischöflichen Gymnasiums Brünn.

Fotos: Stefan P. Teppert, Archiv

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