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Erzbischof Zollitsch und Co-Autoren über das tragische Schicksal der Donauschwaben

Von Dr. Ingomar Senz

Die Denkschrift wählte als Titel „Heimat an Donau und Neckar“. Damit will sie hervorheben, dass sie von zwei Heimaten ausgeht, der Heimat an der Donau im alten und der Heimat am Neckar im neuen Umland.

Heimat bedeutet der Raum, in dem man verwurzelt, der einem vertraut ist, in dem einen jeder kennt und der einem durch Geburt zugewachsen ist. Andererseits hat man sich diesen Raum aktiv erschlossen, indem man Freunde gewinnt, seine besonderen Fähigkeiten einbringt, seine Umwelt prägt.

Auf diese Weise kann man sich eine zweite Heimat aufbauen, wie das in der neuen Heimat am Neckar geschehen ist.

Das Autorenteam Stefan Teppert, Erzbischof Dr. Robert Zollitsch (siehe Foto), Dr. Georg Wildmann und Adam Kupferschmidt macht es sich zur Aufgabe, dieses Pendeln zwischen alter und neuer Heimat aufzuzeigen.

Hintergrund dazu ist vor allem der Ablauf der Geschichte, wie er sich bei den drei dargestellten Gruppen Arme Schulschwestern, Filipowaer und Donauschwaben widerspiegelt.

Im Kleinen wie im Großen wird neben den chronologischen Abläufen geschildert, wie eine besondere Grundhaltung sich fähig erweist, ein grausames, oft traumatisierendes Schicksal zu bestehen und daraus die Kraft für einen erfolgreichen Neuanfang zu ziehen.

Die kurzgefasste donauschwäbische Geschichte erhärtet dies besonders bei der Darstellung des gesellschaftlichen Lebens, während die Geschichte Filipowas, zu der ja auch die der Armen Schulschwestern gehört, sich vor allem auf ihr furchtbares Ende zuspitzt: Die Blutnacht auf der Heuwiese, die Verbringung in Todeslager, die Deportation in die Sowjetunion sowie die Vertreibung aus ihrem Heimatort können für das gesamtdonauschwäbische Schicksal stehen.

Einerseits arbeitet diese Darstellung die Besonderheit Filipowas heraus, ein Ort, der in den vierzig Jahren während des 20. Jahrhunderts bei am Schluss 5000 Einwohnern 50 Priester und 133 Klosterschwestern hervorgebracht hat, ebenso 500 Weitergeschulte. Das bewirkte nicht nur eine außerordentlich starke Religiosität, sondern eine fruchtbare kulturelle Atmosphäre, wie das für eine stark bäuerlich geprägte Gemeinde ganz ungewöhnlich ist.

Andererseits erlitt Filipowa ein tragisches Schicksal: in wohl keiner anderen donauschwäbischen Gemeinde tobte sich die Schreckensherrschaft der kommunistischen Partisanen so aus wie in diesem katholischen Musterdorf.

Die namentlich angeführten Opfer der Blutnacht auf der Heuwiese bezeugen dies. Demgegenüber erwuchs aus der unerschütterlichen Grundhaltung dieser Gemeinde der Hoffnungsträger für die Zukunft:

Inmitten des Massensterbens in den Lagern Gakowa und Rudolfsgnad formulierte der Filipowaer Jesuitenpater Wendelin Gruber während einer unter Lebensgefahr abgehaltenen Erstkommunion das Gelöbnis: im Überlebensfalle eine Kapelle oder Kirche zu bauen und jährlich eine Wallfahrt abzuhalten.

Aus dieser Glaubenshaltung heraus setzten die betroffenen Donauschwaben um einen Filipowaer Kern ein Zeichen der Hoffnung, an dem sich alle festhalten und so dem kommunistischen Unglauben seine Unterlegenheit vorführen können. Ein unüberbietbares Beispiel für die Kraft des  Heimatgedankens.

Etwas von diesem Geist beseelte alle Donauschwaben, als sie sich nach Flucht und Vertreibung in Deutschland und Österreich eine neue Heimat aufbauten: Dazu gehörte neben dem eigenen Haus und der Suche nach landsmannschaftlicher Nähe auch das Herüberretten dieser unerschütterlichen Grundstimmung, die sich aus Glauben und Vertrauen in die eigene Kraft ergibt.

So fand das Gelöbnis auch seine Erfüllung: Es entstanden die Wallfahrten nach Altötting 1959 und Bad Niedernau 1979 und dort die Kapelle, jährliche Anziehungspunkte für die Filipowaer und ihre donauschwäbischen Landsleute und Ausdruck ihrer Religiosität, ihrer Treue zu eigener Art und ihres Bekenntnisses zu eigenem Schicksal.

Wie in einem Magnetfeld fließt all dies – Heimatgefühl, Ort des Gedenkens, geschichtliche Vergewisserung, aber auch Orientierung für die Zukunft – in einem Ort zusammen, dem Stelenpark.

Hier bauten die Armen Schulschwestern eine neue Heimat auf; hier entstand eine Wallfahrtsstätte sowie durch den Bau einer Kapelle die Verwirklichung des Gelöbnisses von Gakowa und Rudolfsgnad; gleichzeitig ein Beitrag, alte Wunden zu schließen, an Traditionen der Heimat anzuknüpfen und ein zeitloses Zeichen für die Zukunft zu setzen.

Zum dritten erinnern die vierzehn Stelen an die Leistungen bedeutender Filipowaer und einiger Einheimischer (ergänzt durch eine Sammlung von 43 Biografien bedeutender Filipowaer am Ende des Buches). Sie tun das stellvertretend für alle Donauschwaben.

So verschieden, so verschlungen ihre „Kreuzwege“ auch waren, sie treffen sich am Wegekreuz Bad Niedernau. Es ist als Gedenkstätte ein Vorbild dafür, wie Vergangenheit – Heimatverlust, Lagertragik sowie Flucht, Deportation und Vertreibung – aufgearbeitet, wie der Aufbau einer neuen Heimat sowie die Eingliederung in völlig andere Lebensumstände gelingen kann.

BILD: Donauschwaben und ihre Trachten

Der Urgrund, dem dies alles zu verdanken ist, war und ist die unerschütterliche, positive Grundstimmung, die Altes und Neues verbindet und – wie der Pfahl im Fleisch – als Mahnmal in die Zukunft wirkt.

Darüber hinaus ist der Stelenpark ein Ort der Ruhe, der Entspannung und des Friedens, der gute Gedanken zur menschlichen Existenz, zum menschlichen Schicksal und zu einem besseren Leben reifen lässt.

Alle positiven Aussagen zum Inhalt der Denkschrift werden befördert durch die gediegene und ansprechend moderne Aufmachung des Buches: Ein reiches, in der Regel hervorragendes Bildmaterial, sinnvolle Anordnung, Hervorhebung des Wichtigen, klare Gliederung und prägnante Sprache.

Vielleicht wäre ein anderes, nicht aus dem normalen Rahmen fallendes Format und der Verzicht auf einige Wiederholungen bei den Persönlichkeitsbildern der Stelen für das Anliegen des Buches ergiebiger gewesen.

Jeder Filipowaer, jeder Donauschwabe, der das Buch liest, wird vom tragischen Schicksal der Donauschwaben erschüttert sein, genauso aber die positive Kraft, die es durchatmet, spüren und sie als Ansporn empfinden, seiner donauschwäbischen Identität treu zu bleiben.

Buch-Daten: Stiftung der Armen Schulschwestern (Hg.): Heimat an Donau und Neckar. Von Filipowa nach Bad Niedernau. Denkschrift zur Einweihung des Stelenparks am ehemaligen Kloster der Armen Schulschwestern von Unserer Lieben Frau in Bad Niedernau. Zusammenstellung und Redaktion: Stefan P. Teppert. Kappel-Grafenhausen 2021. ISBN 978-3-00-069738-8. Preis 25 €. + Versandkosten, Bestellung an Werner Gauss: Tel. 0176 97 58 59 75, Mail: gauss@stiftung-arme-schulschwestern-bad-niedernau.de

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