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Jugendbewegung: Evang. Bischof Wilhelm Stählin über Maria und Reinheitsideale

Von Felizitas Küble

Wenn hier von der „Jugendbewegung“ die Rede ist, geht es nicht etwa um die Studentenrevolte der 68er samt ihrer „sexuellen Revolution“, sondern gleichsam um das glatte Gegenteil, nämlich die ganz anders geartete Jugendbewegung, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit dem „Wandervogel“ in Berlin begann, sich immer stärker ausweitete – und das nicht nur geographisch, sondern auch geistig  – und ihren Höhepunkt nach dem 1. Weltkrieg und vor allem in den 20er Jahren erfuhr.

Zur Zeit der Weimarer Republik entstand dann die –  strenger als der Wandervogel geformte  –  „bündische Jugend“, ebenso freie Jungenschaften, sodann die Nerother, auch Mädchenbünde (z.B. im katholischen Bereich die „Heliand“-Gruppen) und die religiösen Strömungen der Jugendbewegung, neben katholischen und evangelischen Initiativen auch jüdische Bünde.

Im schrillen Gegensatz zur 68er Bewegung war dieser neue Aufbruch der Jugend, der weltweit einzigartig war und den es so allein in Deutschland gegeben hat, nicht von Drogen, Sex und Krachmusik („Sexs and Drugs and RocknRoll“) geprägt, sondern von großen Idealen, von geistigen Sehnsüchten und Einsichten, die bisweilen auch in etwas weltfremd-schwärmerische Gedankengirlanden „hochsteigen“ konnten.

„Rein bleiben und reif werden…“

Ungeachtet mancher „Verstiegenheiten“ war diese Jugendbewegung  – bei aller Kritik, die man im Details äußern kann – sogar in ihren nichtkirchlichen Bünden durch und durch „sauber“ in ihren sittlichen Grundsätzen, auch wenn sie sonst noch so sehr das „Neue“ und „Jugendliche“ betonte und euphorisch glaubte, mit ihnen breche quasi ganz großartig „die neue Zeit“ an etc.

Das allseits bekannte Leitwort der Jugendbewegung stammte aus dem Buch „Wanderer zwischen beiden Welten“ von Walter Flex: „Rein bleiben und reif werden – das ist schönste und schwerste Lebenskunst.“

Einer, der sowohl Größe wie Grenze, Stärke wie Schwäche dieses hochgemuten Aufbruchs klarsichtig erkannte, war der evangelische Theologe Dr. Wilhelm Stählin (siehe Foto) mit seinen Schriften zur Jugendbewegung in den 1920er Jahren. 

Er wirkte später als Professor in Münster, gehörte während der NS-Diktatur zum „Pfarrernotbund“ im Umfeld der „Bekennenden Kirche“ und wurde 1945 zum Bischof von Oldenburg gewählt.

In seinem 1921 erschienenen Buch „Fieber und Heil in der Jugendbewegung“ beleuchtet er, der selber zum Wandervogel gehörte und dort führend tätig war, diese neue Strömung mit scharfsinniger Gründlichkeit, spart nicht mit konstruktiver Kritik aus seiner nüchternen Innenschau heraus, zeigt sich aber gleichwohl zutiefst „jugendbewegt“ geprägt.

Er nahm diesen neuen Aufschwung der Jugend energisch in Schutz gegen unfaire Angriffe von links und rechts, an denen es damals nicht fehlte.

Interessant ist auch, wie dieser evangelisch-lutherische Theologe in der erwähnten Schrift mehrfach das inbrünstige Singen von „alten Marienliedern“ durch katholische Jugendliche verteidigt.

„Meerstern, ich dich grüße, o Maria mild…“

Auf S. 50 schreibt er dazu:

„Ich habe es nie leiden mögen, wenn man das Singen der alten Marienlieder als eine romantische und sentimentale Schwärmerei meint abtun zu können. Wer etwa – um ein Beispiel zu nennen – die Neue Schar in einem Gotteshaus hat singen hören „Meerstern, ich dich grüße, o Maria mild…Maria hilf uns allen aus unserer tiefen Not“, der weiß, daß hier wahrhaftig mehr und Größeres dahintersteckt.“

Bevor wir seine aufschlußreiche Auslegung zitieren, hier zunächst einige Hinweise zu diesem katholischen Kirchenlied, das man besonders oft bei Prozessionen, Maiandachten und Wallfahrten hören kann:

Die erste Strophe lautet:

Meerstern, ich dich grüße!  
O Maria hilf!
Gottesmutter, süße!
O Maria, hilf!
Maria, hilf uns allen
aus unserer tiefen Not!

Danach wird die Madonna hymnisch als „Rose ohne Dornen“ und als „Lilie ohnegleichen“ gepriesen.

In einer weiteren Strophe heißt es:

Gib ein reines Leben,
O Maria hilf!
sichere Reis‘ daneben!  
O Maria hilf…..“

Die selige Jungfrau wird auch als Mutter angesprochen:

Dich als Mutter zeige,
O Maria hilf!
Gnädig uns zuneige!
O Maria hilf!

Die letzte Strophe stellt uns den Erlöser vor Augen, wobei Maria als Fürsprecherin angerufen wird:

Hilf uns Christum flehen,  
O Maria hilf!
fröhlich vor ihm stehen!
O Maria hilf!
Maria, hilf uns allen
aus unserer tiefen Not!

Worüber sich gläubige Katholiken, die dieses Lied wohl eher gewohnheitsmäßig singen, vielleicht weniger Gedanken machen, das hat der protestantische Autor für sie übernommen:

Ihm ist nämlich aufgefallen, wie sehr in diesen Versen sehnsüchtig das Ideal der Reinheit und der Mütterlichkeit aufscheint, das sich in Maria einzigartig verwirklicht hat.

Zugleich bemerkt er, daß im Refrain immer wieder von „unserer tiefen Not“ die Rede ist, also nicht so sehr nur Welt und Umwelt als „Tal der Tränen“ gesehen wird, sondern vielmehr „unsere“ (!) Not  – also auch jene in unserer eigenen Innenwelt  –  im Focus steht.

Das „Sternenlicht“ weiblicher Reinheit

Dazu erläutert Dr. Stählin sehr einfühlsam und klarsichtig Folgendes:

„Hier schaut eine glühende Seele in inbrünstigem Verlangen das Bild, in dem Jungfräulichkeit und Mütterlichkeit vereint sind; er kennt nun – seitdem dieses klare Sternenlicht sein Herz getroffen hat  – die wahre, tiefe Not und weiß nun keinen anderen Rat, als dieses Sternenlicht – weibliche Reinheit, die jungfräulich und mütterlich zugleich ist – zu grüßen mit all der ernsthaften Liebe, deren eine junge Seele fähig ist.“

Er erläutert weiter, nur die „reine Frau“ könne „wahrhaft mütterlich“ sein: „Mütterliche Treue und Güte umfaßt alles mit einem lebendigen Herzen.“

Sittliche Reinheit orientiert sich an den Geboten Gottes, sie ist eine innere Haltung –  und natürlich in Ehe und Familie ebenso möglich wie im enthaltsamen Zölibat – und bei beiden „Ständen“ geht es dabei nicht immer ohne „tiefe Not“ ab.

Dr. Stählin fragt eindringlich weiter:

„Ahnt ihr, was das heißt, ihr Mädchen und Frauen, wenn ihr euch bekennt zu diesem Bild einer herben, reinen Jungfräulichkeit und Mütterlichkeit, wenn ihr betet um ein „reines Leben“ und eine „sichere Reise“?“  

Der männlichen Jugend schreibt er ins Stammbuch:

„Ahnt ihr, Jünglinge und Männer, was ihr eigentlich wollt, wenn ihr dieses Lied mit euren Mädchen und Frauen singt, wenn ihr euch Frauen wünscht, die jungfräulich und mütterlich sind, weil sie – und nur sie – euch all das erfüllen, was ihr an der Frau sucht: Reinheit und Kraft und Heil.“

Am Schluß seines Kapitels über die sittlichen Ideale der Jugendbewegung bekräftigt er seinen Appell und erinnert die Jungen erneut an dieses Marienlied:

„Hier  – wenn irgendwo – sollt ihr daran denken, daß das Feuer, dem ihr verschworen seid, in seiner reinen Glut alles Niedere verzehren will, daß der neue Lebensstil, den ihr sucht, voll Zucht und Strenge ist und daß  – um in der Sprache des Mittelalters zu reden – derjenige, der sich der reinen Minne verschreibt, gewappnet sein muß vom Scheitel bis zur Sohle.“

Unsere Autorin Felizitas Küble leitet den KOMM-MIT-Verlag in Münster, der 1946 im Geiste der Jugendbewegung entstanden ist – und das Christoferuswerk, das dieses CHRISTLICHE FORUM betreibt

Titelfoto: Dr. Bernd F. Pelz

 

Kommentare

7 Antworten

  1. Die Bekennende Evangelische Kirche (BEK) war (auch) sexualethisch strikt konservativ, was ihre letzte Synode 1943 in Breslau – neben der Verurteilung der Tötung wegen der „Rasse“ – noch einmal betonte. Bonhoeffer und Barth, die beiden führenden Theologen der BEK, nannten Abtreibung ausdrücklich Mord. Bonhoeffer warnte in einer Traupredigt noch aus Gestapohaft wortwörtlich vor dem Wunsch einer Frau „zu sein wie der Mann“. Er schrieb: “ Der Platz der Frau ist im Haus des Mannes“. Nach 1945 forderte die Evangelische Frauenschaft Westfalens von den Besatzungsmächten die Bestrafung von Abtreibung sogar bei Vergewaltigung. Stählins Distanz zur BEK und zu deren Barmer Bekenntnis kam wohl aus seiner ausgeprägten Hochkirchlichkeit. Er gehörte zur Berneuchener Bewegung, die Bonhoeffer so ablehnte, und der auch Barth mit Sicherheit fern stand.

  2. Der Beitrag von Frau Küble macht deutlich, wie sich die Ideale der Jugend geändert haben. Als heute 83jähriger habe ich einen großen Teil dieses Wandels miterlebt, miterlitten, ja manchmal sogar mitgestaltet.
    Während meiner Gymnasialzeit bis Ende der 50er Jahre gab es noch auf den meisten (Jungen-)Gymnasien Gruppen des „Bundes Neudeutschland“, der – wie der Heliand für die Mädchen – aus der 1920er Jugendbewegung hervorgegangen war.
    Das Gruppenleben während meiner aktiven Zeit als „Neudeutscher“ war stark religiös geprägt. An eine besonders ausgeprägte Marienverehrung kann ich mich zwar nicht erinnern, was vielleicht daran lag, dass die geistlichen Betreuer beim ND meist Jesuiten waren.
    Aber ansonsten ging es streng katholisch zu, und „Sex, Drugs and RocknRoll“ spielten überhaupt keine Rolle. Dass wir Jungs im ND und die Mädchen im Heliand getrennt marschierten (und meist auch reine Jungen- bzw. Mädchengymnasien bzw. -Lyzeen besuchten), empfanden wir als selbstverständlich (und hat uns in unserer Entwicklung auch eher gefördert).

    Ab den 1960er Jahren ging es dann in Kirche und Gesellschaft rapide abwärts. ND und Heliand sind als „Marken“ zwar noch vorhanden, und als solche Teil der „Katholischen Studierenden Jugend“. Aber junge Mitglieder hat die KSJ praktisch kaum noch, obwohl (oder gerade weil) die Programmatik modernistisch, d. h. links- und liberalkatholisch ist.

    Sucht man nach den Idealen der 1920er Jugendbewegung, insbesondere auch nach sittlichen Werten, wie sie von Prof. Dr. Stählin in dem Beitrag von Frau Küble beschrieben werden, so findet man sie am ehesten noch bei den Katholischen Pfadfindern Europas (KPE). Bezeichnenderweise gab es beim Synodalen Weg erst kürzlich Proteste gegen die offizielle Anerkennung der KPE durch die Deutsche Bischofskonferenz, ua wegen der angeblich überholten Ansichten der KPE zu den Geschlechterrollen.

  3. Mit diesem Beitrag wird die ganze Schönheit des Glaubens zum Leuchten gebracht, ganz besonders das Denken mit den richtigen Maßstäben.

  4. Man sollte freilich nicht vergessen, daß manche Teile der damaligen Jugendbewegung durchaus auch einen (homo-)erotischen Hintergrund hatten.

    1. Guten Tag,
      diesen gab es vereinzelt, allerdings nicht auf programmatischer Ebene, schon gar nicht im kirchlich jugendbewegten Spektrum, von denen ja hier vorwiegend die Rede ist.
      Anders bei den linken „Reformpädagogen“ etwa der Odenwaldschule oder der Grünen in den 80er Jahren mit ihren pädosexuellen Programmen und Forderungen.
      Freundlichen Gruß
      Felizitas Küble

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