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Lied aus Ostpreußen: Ännchen von Tharau

Ännchen von Tharau ists, die mir gefällt;
Sie ist mein Leben, mein Gut und mein Geld.

Ännchen von Tharau hat wieder ihr Herz
Auf mich gerichtet in Lieb‘ und in Schmerz.

Ännchen von Tharau, mein Reichtum, mein Gut,
Du meine Seele, mein Fleisch und mein Blut!

Krankheit, Verfolgung, Betrübnis und Pein
Soll unsrer Liebe Verknotung sein.

Recht als ein Palmenbaum über sich steigt,
Je mehr ihn Hagel und Regen anficht;

So wird die Lieb‘ in uns mächtig und groß
Durch Kreuz, durch Leiden, durch allerlei Not.

Würdest du gleich einmal von mir getrennt,
Lebtest, da wo man die Sonne kaum kennt;

Ich will dir folgen durch Wälder, durch Meer,
Durch Eis, durch Eisen, durch feindliches Heer.

Ännchen von Tharau, mein Licht, meine Sonn,
Mein Leben schließ‘ ich um deines herum.

Was ich gebiete, wird von dir getan,
Was ich verbiete, das lässt du mir stahn.

Was hat die Liebe doch für ein Bestand,
Wo nicht ein Herz ist, ein Mund, eine Hand?

Wo man sich peiniget, zanket und schlägt,
Und gleich den Hunden und Katzen beträgt?

Ännchen von Tharau, das woll’n wir nicht tun;
Du bist mein Täubchen, mein Schäfchen, mein Huhn.

Was ich begehre, ist lieb dir und gut;
Ich laß den Rock dir, du lässt mir den Hut!

Dies ist uns Ännchen die süßeste Ruh,
Ein Leib und Seele wird aus Ich und Du.

Dies macht das Leben zum himmlischen Reich,
Durch Zanken wird es der Hölle gleich.

Das Lied enthält insgesamt 17 Verse.
Es werden aber nicht alle gesungen.

 

HINWEISE dazu von unserem Leser Ernst Friedel:

„Ännchen von Tharau“ ist ein bekanntes Liebeslied aus Ostpreußen. Lisa Neumann schreibt dazu:

Lieder können ihre eigenwillige Geschichte haben. So auch das volkstümliche „Ännchen von Tharau“. Es besingt die 1615 in Tharau (Ostpreußen) geborene Pfarrerstochter Anna Neander. Mit 14 Jahren verlor sie beide Eltern und kam zu einem Vormund. Im Jahr 1636 heiratete sie den Pfarrer Johannes Partatius.

Als dieser nach 10 Ehejahren verstarb, ehelichte sie seinen Amtsnachfolger und nach dessen frühem Tod wiederum den nächstfolgenden

Pfarrstelleninhaber. Dies entsprach einer damals nicht unüblichen Pfarrwitwenversorgung. Das Lied soll anlässlich ihrer ersten Hochzeit entstanden sein.

Als Autor wurde lange Zeit der ostpreußische Dichter Simon Dach vermutet, doch wird dies von neuen Forschungen in Frage gestellt. Sicher ist, dass der Urtext in samländisch-niederdeutscher Sprache verfasst wurde.

Die erste Vertonung stammt von dem Komponisten und Liederdichter Heinrich Albert (1604 – 1651). Er kommt auch als Autor des ursprünglichen Textes in Betracht.

Im Jahr 1778 wurde der Text von Johann Gottfried Herder (1744 – 1803) ins Hochdeutsche übertragen. Fast 50 Jahre später komponierte Friedrich Silcher (1789 –1860) dazu die heute so bekannte und beliebte Melodie.

Wir finden das Lied hier: https://www.youtube.com/watch?v=lqWDCIxOXFc. Es singt der Montanara-Chor.

 

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