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„Marienerscheinungen“ damals und heute: Der Seher Böhm von Niklashausen 1476

Von Felizitas Küble

In der fränkischen Pfarrgemeinde Niklashausen kam es im späten Mittelalter zu einem Ereignis, das zehntausende Menschen, vor allem aus der armen Landbevölkerung, auf die Pilgerbeine und in die Kirche brachte:

Ein Viehhirte und Spielmann namans Hans Behem bzw. Böhm  – man nannte ihn im Volk einfach den „Pfeiferhannes“ – erklärte den Wallfahrern, ihm sei die Madonna erschienen und habe ein göttliches Strafgericht angekündigt, vor allem über die Reichen und Mächtigen in Staat und Kirche.

Maria fordere eine völlig neue soziale Ordnung mit Gemeineigentum an Grund und Boden, gleichzeitig Buße von den Gläubigen, die ihren (ohnehin kaum vorhandenen) Schmuck verbrennen und so den Himmel besänftigen sollen durch Sühne, Fasten und Entbehrungen.

Außerdem versprach er dem Kirchenvolk im Namen der Gottesmutter einen vollkommenen Sündenablaß, wenn sie zu ihm nach Niklashausen pilgern und seinen Predigten zuhören.

Die „Botschaften“ des theologisch ungelehrten Mannes, der weder lesen noch schreiben konnte, der aber im guten Kontakt mit dem Dorfpfarrer und einem Bettelmönch stand, schlugen wie eine Bombe ein, so daß im Jahre 1476 zehntausende Neugierige, Sehnsüchtige und Wundergläubige zu seinen „Offenbarungen“ strömten.

Der Jüngling und „Prophet“, der zuvor in seinem Dorf als Frauenheld gegolten hatte (eine ledige Magd wurde von ihm schwanger), radikalisierte sich mit seinen „Predigten“ immer stärker. Angeblich soll die Madonna ihn zu dem revolutionären Schlachtruf „Schlagt die Pfaffen tot!“ animiert haben. 

Während die kirchliche Obrigkeit das seltsam erscheinende Wallfahrtswesen anfangs duldete und wohl nicht ganz ernst nahm („Erscheinungen“ waren schon damals keine Seltenheit), ging bei den gemächlichen Herren allmählich ein Licht auf bzw. eine Warnlampe an, denn die sozialrebellischen Reden des fränkischen“Sehers“ konnten sich leicht zu einem landesweiten Flächenbrand ausweiten.

Zwar fand der tatsächliche Bauernaufstand in Deutschland erst ein halbes Jahrhundert später statt, aber in dem verarmten und unterdrückten Landvolk war die Stimmung schon länger auf dem Tieftstand und die verständliche Wut der entrechteten Bauern wuchs von Tag zu Tag. 

Staat und Kirche sorgten dann für ein gewaltsames Ende der Massenwallfahrt, indem sie den irregeleiteten Propheten gefangennahmen und am 19. Juli 1476 in Würzburg auf dem Scheiterhaufen verbrannten. Auch dies führte kurz zu einem spontanen Massenprotest in der Landbevölkerung. Danach flaute die Wallfahrt nach Niklashausen ab, zumal sie bischöflich verboten wurde. 

Der enthusiastische Schwärmer Hans Böhm regte aber auch Jahrhunderte später noch die sozialrevolutionäre Phantasie von Schriftstellern und Regisseuren an.  

Rainer Werner Fassbinder verfilmte sein Schicksal mit einer neomarxistischen Tendenz, sogar Friedrich Engels (der Bundesgenosse von Karl Marx) „höchstselbst“ befaßte sich näher mit ihm.

Für diese Autoren ging es natürlich nicht um die vermeintliche „Marienerscheinung“, sondern um die Forderungen des „Sehers“ nach Gemeineigentum und sozialer Gleichheit, um seine aufrührerischen und „kommunistischen“ Botschaften gegen die Herrschenden in Staat und Kirche. 

Der literarisch anspruchsvolle Krimi-Autor Roman Rausch schrieb mit seinem Werk „Der falsche Prophet“ ein vierhundertseitiges Werk, das die damaligen Verhältnisse lebendig werden läßt und zugleich die Tragik des irrgeistigen Sehers aufzeigt, dem der Massenerfolg zu Kopfe stieg und der nicht nur an den Machtverhältnissen, sondern auch an seinem Hochmut scheiterte.

Vergleicht man die damaligen Geschehnisse mit der heutigen Zeit, in der es von „Marienerscheinungen“ und „begnadeten Propheten“ nur so wimmelt, dann fallen viele Ähnlichkeiten und Parallelen auf:

Ankündigung von Strafgerichten, ausuferndes Pilgerwesen, scharfe Kritik an der Kirchenleitung (sicherlich zum Teil berechtigt, doch dies steht auf einem anderen Blatt – und das war sie auch damals schon) – sodann die besonderen „Verheißungen“, die mit der gläubigen Annahme der „Botschaften Mariens“ verknüpft werden (besondere Gnaden, Sündenvergebung), das Asketentum (Aufruf zum Fasten!), die Fixierung auf einen „Erleuchteten“ bzw. eine „begnadete Opferseele“ und-so-weiter….

Unsere Autorin Felizitas Küble leitet den KOMM-MIT-Verlag und das Christoferuswerk in Münster, das dieses CHRISTLICHE FORUM betreibt

 

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