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Papst Benedikt: „Im Boot der Kirche sitzt der HERR“ – auch in den Stürmen der Zeit

Von Gianni Valente

Joseph Ratzinger sagte schon als Papst, dass die Kirche nicht durch Päpste gerettet wird – und manchmal können in der Kirche der klerikale Triumphalismus alter und neuer Prägung, die kirchliche Selbstbezogenheit und permanente Strukturen die fortschreitende Wüste verdecken. 

In seiner letzten öffentlichen Rede als Papst bekannte Benedikt XVI., dass er immer wahrgenommen habe, dass im Boot der Kirche „der HERR ist“, auch wenn ER zu schlafen scheine, und dass „das Schiff der Kirche“ nicht „unseres“ sei, sondern das seine.

ER lasse es nicht sinken; ER sei es, der es lenke, gewiss auch durch die Menschen, dieER erwählt habe.

Auch in seiner Predigt während der Messe zu seinem Amtsantritt hatte Benedikt XVI. gesagt er müsse diese Amt nicht allein tragen. Schon bei dieser Gelegenheit gestand er, dass er kein „Regierungsprogramm“ vorlegen wollte, denn „mein wahres Regierungsprogramm besteht nicht darin, meinen eigenen Willen zu tun, nicht meine eigenen Ideen zu verfolgen, sondern mit der ganzen Kirche auf das Wort und den Willen des HERRN zu hören und mich von ihm leiten zu lassen, damit ER selbst es ist, der die Kirche in dieser Stunde unserer Geschichte leitet“.

Der große Theologe, der zum Papst wurde und gewohnt war, die Vernünftigkeit des Glaubens auch in akademischen Auseinandersetzungen und in der Konfrontation mit der Gnosis der Moderne zu bezeugen, wollte den Kindern anvertrauen, was sein einzigartiges Glück und der Schatz war, den er im Laufe seines Lebens erhalten hatte.

Benedikt über seine eigene Erstkommunion

Er tat dies am 15. Oktober 2005, als er den Jungen und Mädchen in Rom, die kürzlich zum ersten Mal die Eucharistie empfangen hatten, vom Tag seiner Erstkommunion erzählte. Er sprach nicht von den Konzepten, die er in Büchern gefunden hatte, von dem Wissen, das er sich angeeignet hatte und das bei ihm und seinen Schülern eine echte theologische „Begeisterung“ ausgelöst hatte.

„Es war ein sonniger Tag“, erzählte er damals und erinnerte sich an „die sehr schöne Kirche, die Musik“ und die Fülle einer „großen Freude, weil Jesus zu mir gekommen war“.

Dann fügte er hinzu:
„Ich habe dem HERRN versprochen, so gut ich konnte: ‚Ich möchte immer bei dir sein‘, und ich habe zu ihm gebetet: ‚Aber sei vor allem du bei mir‘.
Und so ging es in meinem Leben weiter. Gott sei Dank hat mich der HERR immer an der Hand genommen und mich auch in schwierigen Situationen geführt“.

Der unvergleichliche Weg des großen Theologen, der zum Nachfolger Petri wurde, war auch ein Weg der „Enteignung“. Von der neugierigen Kühnheit des jungen Studenten, der es liebte, sich mit der ganzen Bandbreite der von der Moderne aufgeworfenen Fragen an das Gewissen und den Zustand der Getauften auseinanderzusetzen, bis hin zu den apostolischen Prüfungen und Leiden der letzten Zeit, die auch aus Angriffen, Medienskandalen und Anklagen bestanden.

Die Kirche bedarf der Erneuerung aus den Quellen

Joseph Ratzinger sagte, dass der Glaube nicht durch ethische Anstrengung, spirituelle Übung oder kulturelle Vertiefung wiederbelebt wird, sondern durch die  bedingungslose Wiederholung der Gesten der Liebe Jesu in den Tagen der Verwirrung.

In ähnlicher Weise wiederholte er sein ganzes Leben lang, dass die Kirche Christus gehört, dass sie immer der Erneuerung durch seine Gnade bedarf („semper reformanda“) und dass jede echte kirchliche Erneuerung als eine „Rückkehr zu den Quellen“, eine Rückkehr zum Glauben der Apostel stattfindet.

Joseph Ratzinger sagte auch, dass die Gabe des Glaubens kein erworbener Besitz ist, den man sich aneignen kann, und dass sie verloren gehen kann. Auch als Papst hat er unumwunden zugegeben, dass in weiten Teilen der Erde der Glaube wie eine Flamme, die keine Nahrung mehr findet, zu erlöschen drohe (vgl. Ansprache vor der Vollversammlung der Glaubenskongregation, 27. Januar 2012).

Schon lange vorher, als er noch keine 25 Jahre alt war, hatte er in seiner kurzen seelsorgerischen Tätigkeit in einer Pfarrei in München bei vielen jungen Menschen, obschon diese an kirchlichen Ritualen und Initiativen teilnahmen, eine existentielle Entfremdung vom Christentum wahrgenommen.

Früh warnte er vor einem „neuen Heidentum in der Kirche“

Jahre später nahm er in einem Aufsatz über die „neuen Heiden, über ein „Heidentum in der Kirche selbst“, das vor allem dort Wurzeln geschlagen hatte, wo die kirchliche Zugehörigkeit als „politisch-kulturelle Notwendigkeit“, als „Datum unserer spezifisch westlichen Existenz“ empfunden wurde.

Joseph Ratzinger hat sich auch mit dem beispiellosen Verlust des christlichen Gedächtnisses befasst, der mit den neuen Prozessen der Entchristlichung einhergeht, wo in Ländern mit einer alten christlichen Tradition das Christentum als „eine Vergangenheit, die die heutigen Menschen nichts angeht“ betrachtet wird.

Auch die verheerenden Nachrichten über den Missbrauch von Geistlichen deutete er als „Verfolgung von innen“, welche die Kirche durch die Sünden und das Elend jener Kirchenmänner erfahre.

Joseph Ratzinger hat gespürt und gesagt, dass die Antwort auf einen solchen Zustand nicht nur darin bestehen kann, den Widerstand in der belagerten Festung zu organisieren und vergangenen Zeiten nachzutrauern.

Wenn die Kirche kein anderes Leben als das der Gnade Gottes besitzt, dann wird die christliche Hoffnung auch in der Zeit des Exodus und des Exils gedeihen.

Als Professor und Theologe hatte Joseph Ratzinger 2019 in die Mikrofone eines deutschen Radiosenders gesprochen und die Zeit vorausgesagt, in der die Kirche einen großen Teil ihrer gesellschaftlichen Privilegien verlieren und keine „dominierende gesellschaftliche Kraft“ mehr sein würde.

Aber er stellte sich einen solchen Zustand als eine Zeit der Läuterung vor, die es allen leichter machen würde, die völlige Abhängigkeit der Kirche  von der Gnade Christi zu erkennen, die zu einer Wohnstätte wird, „in der man Leben und Hoffnung über den Tod hinaus finden kann“.

Quelle: Newsletter des vatikanischen Fidesdienstes vom 2.1.23

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