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Papst Benedikt sah es 1970 voraus: ein überzogener Individualismus frisst auch die Kirchen

Das IDAF (Instituts für Demographie, Allgemeinwohl und Familie e.V. ) veröffentlichte jetzt  eine fundierte Zeitdiagnose, die wir hier leicht gekürzt wiedergeben. Den vollen Wortlaut finden Sie bei: www.i-daf.org

„Die Kirche der Zukunft wird klein werden, weithin ganz von vorn anfangen müssen. Sie wird viele der Bauten nicht mehr füllen können, die in der Hochkonjunktur geschaffen wurden. Sie wird mit der Zahl der Anhänger viele ihrer Privilegien verlieren“ (1).

Als der Theologe Joseph Ratzinger 1970 die Krise der Volkskirche vorhersagte, tönte ihm der Vorwurf des „Pessimismus“ entgegen. In dieser Zeit, in der viele seiner Kollegen die Kirche im „Aufbruch“ wähnten, galt er als störender „Unglücksprophet“ (2).

Seine Skepsis gegenüber der kirchenpolitischen Korrektheit war indes nicht unbegründet, setzte Ende der 1960er Jahre doch eine beispiellose Krise der Kirche ein: Die Gottesdienste leerten sich rasch und stetig, die Berufungen zum Priestertum und Ordensleben brachen ein, später ging auch die Zahl der Taufen und kirchlichen Trauungen zurück und über die Jahrzehnte traten insgesamt Millionen Getaufter aus der Kirche aus. Längst trifft der Gläubigenschwund die Kirche auch materiell hart; selbst relativ wohlhabende Diözesen sehen sich gezwungen Gotteshäuser zu verkaufen oder abzureißen (3).

Die volkskirchlichen Fassaden sind weithin zerbröselt; die einst angesehene und mächtige Kirche ist ins gesellschaftliche Abseits geraten. In diese schweren Gewässer, so meinen nicht wenige Theologen und engagierte Katholiken, habe sich die „Amtskirche“ selbst manövriert:

Statt sich der „Moderne“ zu öffnen, halte sie an ihrer starren Hierarchie, einer heuchlerischen Sexualmoral und einem antiquierten Frauen- und Familienbild fest – so die Kritiker. Diesen „Reformstau“ personifiziert für viele Joseph Ratzinger/Benedikt XVI: Schon als Präfekt der Glaubenskongregation habe er jegliche Reformen und Neuaufbrüche unterdrückt, die Kirche in ein „Ghetto“ geführt und den von ihm prophezeiten Niedergang damit selbst befördert (4).

Ressentiments gegenüber einem vermeintlichen „Großinquisitor“ verleiten hier offenkundig dazu, dessen Macht weit zu überschätzen. Zu einer kritischen Revision solcher Vorurteile würde ein genauerer Blick auf die reformatorischen, protestantischen Kirchen zwingen, die alle der katholischen Kirche anempfohlenen Reformen verwirklicht haben: Hier gibt es demokratische Wahlen, Pluralismus in Glaubens- und Lebensfragen, Vielfalt moderner Lebensformen, geschiedene und wiederverheiratete Geistliche, Pastorinnen und sogar Bischöfinnen. Die Medienöffentlichkeit schätzt diese Offenheit für die Moderne: Repräsentantinnen des Protestantismus stoßen auf positive Resonanz, während Vertreter der katholischen Kirche eher als fundamentalistische Dunkelmänner dargestellt werden.

Aber trotz seiner Aufgeschlossenheit für die Moderne leidet der Protestantismus unter chronischer Schwindsucht, die Mitgliederverluste der letzten Jahrzehnte übertreffen sogar noch bei weitem die des Katholizismus (5).

Im Ursprungsland der Reformation gehören in Städten wie Magdeburg gerade noch etwa 10% der Einwohner einer christlichen Kirche an. Auch in den einst calvinistisch-frommen Niederlanden sind Christen heute eine Minderheit; das lutherisch geprägte Nordeuropa ist seit langem völlig verweltlicht; die „antimodernistische“ Kirchenpolitik des Papstes kann also wohl kaum die Ursache für die Krise des Christentums in Europa sein (6).

Schärfer als viele Theologen und Kirchenaktivisten erkannte der „Marxist“ Eric Hobsbawm die Ursachen der Krise: In seiner „Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts“ analysierte er den Niedergang der Kirchen in der westlichen Welt als Konsequenz einer neuen „Individualitätsmoral“, die als ihren Maßstab nur die Wünsche des Egos gelten lässt (7).

In die ihr eigene „Sprache der individuellen Befriedigung“ ließ sich das „alte moralische Vokabular von Rechten und Pflichten, gegenseitiger Verantwortung, Sünde und Tugend, Opferbereitschaft, Gewissen, Schuld und Sühne“ nicht mehr übersetzen: „Die Kompassnadel war nicht mehr genordet, und Landkarten waren nutzlos geworden“ (8).

Dieser Zeitgeist bereitet dem Papst seit langem Sorgen: In einer „Welt wie der westlichen, wo Geld und Reichtum das Maß aller Dinge und wo das Modell vom freien Markt jedem Lebensbereich seine erbarmungslosen Gesetze aufzwingt“, erscheine die katholische Ethik als „eine Art Meteorit“, der nicht nur den „konkreten Lebensgewohnheiten“, sondern auch der ihnen „zugrunde liegenden Denkweise“ widerspreche (9).

Anlass, diese Denkweise auch aus einer weltlichen Sicht kritisch zu hinterfragen, besteht durchaus, treten die Kollateralschäden des exzessiven Individualismus doch überall – von den privaten Beziehungen bis zur Finanzwelt – deutlich hervor. Von einer solchen Nachdenklichkeit ist in Politik, Medien und selbst in den Kirchen allerdings wenig zu spüren.

 

Fußnoten:

(1) Josef Kardinal Ratzinger, in Glaube und Zukunft, München 1970, S. 110.

(2) Hierzu aus der Sicht des Kritisierten: Joseph Ratzinger: Benedikt XVI: Gott und die Welt. Ein Gespräch mit Peter Seewald, München 2005 (Erstauflage 2000), S. 475. Beispielhaft für die Sicht der Kritiker: N. N.: Die alte Inquisition ist tot, es lebe die neue, in: DIE ZEIT vom 04. Oktober 1985.

(3) Siehe hierzu: http://www.i-daf.org/32-0-Nachricht-der-Woche.html.

(4) Prototypisch für diese Sichtweise: N. N.: Die alte Inquisition ist tot, a. a. O. Als aktueller, sachlicher und weniger polemisch verfasster Beitrag zur Kritik der römischen Kurie: Franz-Xaver Kaufmann: Kirchenkrise. Wie überlebt das Christentum? Herder Verlag, Freiburg im Breisgau, 2011.

(5) Siehe hierzu Abbildung unten: „Entkonfessionalisierungstrends in Deutschland“.

(6) Zur Konfessionszugehörigkeit in Deutschland und den Niederlanden: Thomas Sternberg: Veränderungen der religiösen Landkarte Deutschlands, in: Soziales Seminar – Informationen 1/2004. Zum Stand der Säkularisierung in Europa aus Sicht der Werteforschung: Loek Halman/Thorleif Petterson: A decline of religios values? S. 31-59, in: Peter Ester/Michael Braun/Peter Mohler (Editor): Globalization, Value Change and Generations, A cross-National and intergenerational perspective, Brill – Leiden – Boston 2006, S. 45-46.

(7) Hobsbawm wörtlich: „Hier ging es um eine Welt, in der ein sich selbst bespiegelnder Individualismus bis an seine Grenzen gedehnt werden sollte. […] Stillschweigend ging man davon aus, dass die Welt aus Milliarden von Menschen bestehe, die sich über ihren Drang nach der Erfüllung individueller Wünsche definierten.“ Eric Hobsbawm: Das Zeitalter der Extreme – Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts, München 1995, S. 418. Die Institutionen, „die am tiefgreifendsten von der neuen Individualitätsmoral untergraben wurden“, waren nach Hobsbawm die „traditionelle Familie“ und die „traditionell organisierten westlichen Kirchen“, die katholische Kirche ebenso wie die protestantischen Glaubensgemeinschaften (Ebenda, S. 423-424).

(8) Ebenda, S. 425.

(9) Vgl.:  Joseph Ratzinger/Benedikt XVI: Zur Lage des Glaubens: Ein Gespräch mit Vittorio Messori, Freiburg im Breisgau 2007 (Deutsche Erstausgabe 1985), S. 83.

 

 

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