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Predigt über den hl. Philipp Neri von Rom: Wenn der Glaube uns Flügel verleiht

Wir danken Kardinal Gerhard Müller herzlich für die freundliche Genehmigung, seine Festpredigt im italienischen Verona zum 400. Jahrestag der Heiligsprechung von Philipp Neri zu veröffentlichen.
Wir dokumentieren hiermit diese glaubensstärkende Ansprache des vatikanischen Würdenträgers im vollen Wortlaut: 

Für den heiligen Philipp Neri (1515 – 1595) braucht niemand Werbung zu machen. Der kleine Florentiner hat es mit seiner strahlenden Heiterkeit und seinem apostolischen Eifer zum „zweiten Apostel Roms“ gebracht. Er ist ein sympathischer Heiliger, der nicht einmal bei eingefleischten Kirchenfeinden Widerwillen erweckt.

Dabei hat er keineswegs den Menschen nach dem Munde geredet und ihren Eitelkeiten geschmeichelt. Er hat die armen Sünder aber auch nicht vor dem Kopf gestoßen und die von sich selbst eingenommenen Atheisten beleidigt. Mit seinem angeborenen Humor vermochte er die Herzen zu öffnen und die Menschen nachdenklich zu machen.

Unser Glaube an Gott und die Nachfolge Christi sind nicht schwere Gewichte, die uns das Tragen des Lasten des Lebens und das Ertragen der vielen Leiden noch schwerer machen, sondern eher Flügel, die uns zu unserer Würde erheben und dem herrlichen Ziel des Lebens näher bringen.

Wenn sich der hl. Philipp Neri ins Gedächtnis der Kirche als sympathischer Heiliger eingeprägt hat, der über die Affekte die Herzen der Menschen für Gott geöffnet hat, dann kommt mir der hl. Thomas von Aquin in den Sinn, den unser „Pippo buono“ so sehr geschätzt hat.

In seiner „Summa gegen die Heiden“ kommt der engelgleiche Lehrer, Doctor angelicus, auf die Affekte und Leidenschaften Gottes zu sprechen und klärt uns über naheliegende Missverständnisse auf, über die wir stolpern könnten.

Oft haben wir ja Probleme, wenn wir in der Heiligen Schrift lesen, dass Gott „zornig“ wurde über den Abfall seines Volkes, dass es ihn „reute“, die Menschen geschaffen zu haben, dass er „traurig“ wurde über die verlorenen Sünder.

Jedem denkenden Gläubigen ist klar, dass diese Attribute nur metaphorisch gemeint sein können, weil Gott „Geist und Wahrheit ist“ (Joh 4, 24). Er ist nicht zu verwechseln mit einem überdimensionalen Menschen, den unsere Einbildungskraft sich im Himmel befindlich vorstellt wie in einem drei-dimensionalen Raum.

Im eigentlichen, metaphysischen Sinne gibt es nur zwei Affekte in Gott, die mit seinem Wesen zusammenfallen und im Akt der Schöpfung unmittelbar auf die geistbegabten Geschöpfe überfließen und sie von innen her durchdringen.

LIEBE und FREUDE als Eigenschaften des HERRN

Die eine Eigenschaft ist die Liebe (amor, caritas), die alles begründet und trägt. Die andere Eigenschaft ist die Freude (gaudium, delectatio), die Gott in seinem dreifaltigen Leben ist und mit der er uns erfüllt.

Im Unterschied dazu sind Zorn, Reue, Traurigkeit lediglich die Wirkungen seiner Liebe und Freude, die entstehen, wann und wo der Mensch sich Gott entgegenstellt und dabei sich selbst von Gott schmerzhaft entfernt.

Umgekehrt sagen wir im eigentlichen Sinn, dass im Himmel Freude herrscht über einen Sünder, der sich bekehrt. Denn Gottes Liebe ist unser Ursprung und die Sinnfülle unseres Daseins. Die Freude dagegen ist Gott selbst als das Ziel und die Fülle unseres unvergänglichen Lebens (vgl. Summa contra Gentiles I cap. 91).

Freude und Liebe sind die beiden hervorstechenden Characteristica des Lebens und Wirkens des hl. Philipp Neri.

Das sind sowohl natürliche Gaben als auch Gaben der Gnade. Mit diesen übernatürlichen Charismen hat unser Heiliger in die Welt seiner Zeitgenossen und seit den 400 Jahren seit seiner Kanonisation am 14. Mai 1622 Gottes Liebe und Freude in die Herzen der Mensch hinein erstrahlen lassen.

Wir empfehlen uns seinem Gebet und orientieren uns am Bespiel seines christlichen Lebens und priesterlichen Wirkens.

Damals wie heute dieselbe Bewährungsprobe

Die Gesellschaft des 16. Jahrhunderts ist nur zeitlich von uns weit entfernt. Die Conditio humana mit ihren Höhen und Tiefen, mit ihren Licht- und Schattenseiten, ihrem Schwanken zwischen Gut und Böse ist die gleiche wie bei allen unsern Vorfahren. Das In-der-Welt-Sein des Menschen stellt uns vor dieselbe Bewährungsprobe.

Durch die Verweltlichung der Kirche und des Papsttums in der Renaissance und die totale Verwirrung der Menschen durch die Spaltung der abendländischen Christenheit infolge des Auftretens von Martin Luther und Johannes Calvin war auch in Italien die katholische Tradition und Kultur dem Zerfall ausgesetzt.

Doch gute Hirten und hingebungsvolle Seelsorger nach dem Bischofs- und Priesterideal des Konzils von Trient machten eine Erneuerung des persönlichen Glaubens jedes Einzelnen und des gemeinschaftlichen Lebens von Priestern, Ordensleuten und Laien wieder möglich.

Die Heiligen führten die katholische Kirche zu einer neuen Blüte in Liturgie, Volksfrömmigkeit, Caritas, Katechese, Erziehung und in der wissenschaftlichen und theologischen Bildung.

Die Leitidee des Oratoriums, in dem sich all die Aktivitäten zur Erneuerung der Kirche in den Seelen der Erlösten sammelten, war und ist der Leitfaden des Wirkens des hl. Philipp Neri: sola caritas – die Liebe allein genügt.

Wir erinnern uns an die Formel der Reformatoren sola fide – allein der Glaube genügt zur Rechtfertigung des Sünders. Damit trennten sie die Gnade Gottes und die guten Werke der Menschen. Sie stellten eine Gerechtigkeit aus Glauben einer angeblichen Selbst-Gerechtigkeit aus den Werken der Liebe scharf einander entgegen.

Gottes Gnade macht uns zu einem neuen Geschöpf

Gewiss beginnt alles bei der Gnade Gottes und wird in ihr vollendet. Aber Gott macht uns auch zu einem Neuen Geschöpf. Es ergeht der Imperativ an uns: „Zieht den neuen Menschen an, der nach dem Bild Gottes geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit!“ (Eph 4, 24).

Seine Ehre besteht nicht darin, uns niederzuhalten bei dem Bewusstsein, nur arme Sünder zu sein. Irenäus, der Bischof von Lyon, sagt es im Jahre 180 n. Chr. so: Gloria Dei est vivens homo. Vita hominis autem est visio Dei – Die Ehre Gottes ist der lebendige Mensch. Das Leben des Menschen aber ist die Schau Gottes von Angesicht zu Angesicht. (Adv. haer. IV 20, 7).

Gott erhöht uns Menschen in Christus, so dass wir die Werke Gottes tun können. Darin spüren wir die Freude Gottes in unseren Herzen. Und zugleich strahlen wir seine Liebe als Nächstenliebe in die Welt aus.

Ja, was für die Kalkulation des „do ut des“ und die Logik des „wie du mir, so ich dir“ unfassbar ist, das gibt uns Gott. Mit dem Beispiel Jesu, der seinen Feinden vom Kreuz herab verzieh, gibt Gott uns in seiner überfließenden Gnade die Kraft zur Feindesliebe.

Er macht es möglich, dass wir uns mit unseren Feinden versöhnen. Wir beten: Vater unser im Himmel, vergib uns unser Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.

Es gilt der Glaube, der durch die Liebe wirkt

Der Glaube rechtfertigt uns allein in der Liebe aus dem Glauben, wie der Apostel Paulus die Botschaft von der Rechtfertigung des Sünders durch den Glauben an Christus auslegt: „Wir erwarten im Geist aus dem Glauben die Hoffnung der Gerechtigkeit. Denn in Jesus Christus bewirkt nur der Glaube Heil, der durch die Liebe wirkt.“ (Gal 5,6).

Wie der hl. Philipp Neri in seiner Zeit stehen wir auch heute in einer Krise des Christentums. Mächtige Politiker, Ideologen und Meinungsproduzenten von Amerika über die Europäische Union bis zu Russland und China wollen den Menschen als Geschöpf und Kind Gottes ersetzten durch das ökonomische und technologische Konstrukt, das in ihrer Allmachtsphantasie von einer neuen Weltordnung gezeugt wurde.

Nicht der Mensch sei das Geschöpf Gottes, sondern der Mensch sei sein eigener Schöpfer, Herr und Erlöser. Der Mensch, geschaffen nach dem Bild und Gleichnis Gottes, in seiner leiblichen Integrität und seiner personalen Würde, seiner natürlichen Umwelt und Gemeinschaft in Familie, Kultur und Sprache ist ihr Feindbild.

Die katholische Kirche ist in ihren Augen nur eine von Menschen geschaffene Organisation, die sich nützlich zu machen habe durch karitative Werke und spirituelle Angebote ohne Anspruch auf eine Wahrheit, die von Gott geoffenbart ist.

Auch italienische Politiker machen sich schuldig an der katholischen Identität dieses kulturreichsten Landes der Erde und seiner Hauptstadt mit den Gräbern der Apostelfürsten Petrus und Paulus, wenn sie den Papst zu Propagandazwecken für ihre selbstfabrizierte neue Welt missbrauchen.

Der Staat darf sich keine totalitäre Autorität anmaßen

Doch bei seinem mutigen Eintreten für das Leben, die Ehe und Familie, die Würde des Menschen als Mann oder Frau berufen sie sich dagegen totalitär auf den säkularen Staat, so als ob dem Staat in irgendeiner Weise göttliche Autorität über unseren religiösen Glauben, unser sittliches Gewissen und über die Konstitution unserer menschlichen Natur zustünde.

All den machtversessenen Politikern und materialistischen Intellektuellen im Westen und Fernen Osten ist es nicht gelungen, die Menschheit vor einem winzigen Virus zu schützen oder vor dem Ausbruch eines absolut sinnlosen Krieges zu bewahren.

Wie wollen sie die Werke Gottes verbessern oder überbieten, der den Menschen nach seinem Bild und Gleichnis geschaffen und mit dem Blut seines eigenen Sohnes von Sünde, Tod und Teufel erlöst hat?

Viele Christen fürchten, dass das Christentum in Europa zusammenschmilzt und im Ozean des Unglaubens nur ein paar kleine Inseln übrigbleiben. Andere sehen die Rettung der Kirche in ihrer Anpassung an die „Schöne Neue Welt“ (Aldous Huxley) der Patchworkfamilien, der Scheidungswaisen, der genetisch maßgeschneiderten Wunschbabies, der Genderideologie und Geschlechtsumwandlung, der totalen Kontrolle und Gleichschaltung unseres Denkens, Fühlens und Handelns nach dem Maß der political correctness und dem Mainstreaming in den Neuen Technologien und Pharma-Riesen.

Sogar Bischöfe vernachlässigen Bibel und apostolische Tradition

Sogar Bischöfe, denen als den Nachfolgern die treue Bewahrung des apostolischen Glaubens anvertraut ist, gefallen sich in törichten Einlassungen zum Zölibat der Priester, zu Frauen, die sie sich als geweihte Priester vorstellen können, zur Abschaffung des Weihepriestertums, zur Segnung von sogenannten Homopaaren und zur LGBT-Ideologie, die sie über das Wort Gottes in der Heiligen Schrift, der Apostolischen Tradition und in der Göttlichen Liturgie stellen.

Angesichts so vieler aufgeblasener Weisheit der Machthaber Mächtigen dieser Welt kann man nur mit dem Humor des hl. Philipp Neri sich damit trösten, dass Gott beschlossen hat, alle, die glauben, zu retten durch die Torheit der Verkündigung vom Kreuz Christi. „Denn das Törichte an Gott ist weiser als die Menschen und das Schwache an Gott ist stärker als die Menschen.“ (1 Kor 1, 25).

Was die Kirche und die Welt heute brauchen, sind Christen nach der Art des hl. Philipp Neri, die mit Humor die Torheit des Menschen ohne Gott entlarven und die Sünder mit Liebe zu Gott hinführen.

Denn Gottes Liebe zu uns ist der Ursprung unseres Lebens. Und seine Freude an uns ist die Quelle, deren Wasser hinübersprudelt in die ewige Seligkeit.

Das einzige uns vom hl. Philipp Neri erhaltene Sonett schließt mit den Worten:

„Welches Gefängnis hält die Seele zurück,
dass sie nicht scheiden kann von hienieden,
um endlich die Sterne unter die Füße zu treten
und zu leben in Gott und sich selbst zu sterben?“

Heiliger Philipp Neri, erbitte uns bei Gott die einzigen Eigenschaften, die uns helfen im Leben und im Sterben: Freude und Liebe.
Amen.

Titelfoto: Bistum Regensburg

Kommentare

Eine Antwort

  1. Großen Dank an Kardinal Müller für seine gehaltvollen Worte zum hl. Spassvogel Filipp Neri. Wir sollten freudiger und leichter unser Leben gestalten, Filipp Neri hat uns da ein Beispiel gegeben.

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