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Von Jörgen Bauer

Singet dem Herrn ein neues Lied, denn ER vollbringt Wunder. (Psalm 98,1).  – Der Psalm 98 steht unter der Überschrift „Der königliche Richter der Welt“.

Dabei geht es weniger um aufsehenerregende Wunder, sondern um das Heil, das aus der Gerechtigkeit Gottes erwächst, wenn dieser den Erdkreis richten wird, wobei richten in zweierlei Hinsicht verstanden werden könnte: Einmal im Sinne von (ver)urteilen und einmal im Sinne von zurechtbringen, ausrichten, einrichten usw.

Der Psalm steht vermutlich im Zusammenhang mit dem Lauhüttenfest, wo dem Wunder der Befreiung aus der Sklaverei in Ägypten gedacht wurde.

In vielen Psalmen – so auch hier – werden Abläufe in der Natur angesprochen, die durch ihr Dasein auf den Schöpfer weisen und IHN dadurch gleichsam mit lautloser Stimme preisen.

Wenn von Wundern gesprochen wird, ist man geneigt, an übernatürliche oder unerklärliche Geschehnisse zu denken, die mit den Naturgesetzen nicht vereinbar sind.

Es können aber auch überraschende Heilungen oder eine Rettung in letzter Sekunde sein, als schon alles zu spät schien oder eine Bewahrung, etwa in der Art, dass z.B. jemand ein Flugzeug verpasst, das wenig später abstürzt und ähnliches.

Das Wunder als des Glaubens liebstes Kind?

Manche sind wundersüchtig und machen den Glauben davon abhängig, dass ein Wunder geschieht. “Das Wunder ist des Glaubens liebstes Kind”, lässt Goethe seinen Faust sagen. Aber das wäre kein echter Glaube.

Auch von Jesus wurden Wunder als Beweise für seine Vollmacht verlangt. Jesus hat das abgelehnt. Mit Wundern lässt sich nichts beweisen und ein Glaube, der von Wundern abhängt, wäre ein schwacher Glaube.

Um zum Lob und zur Anbetung Gottes zu kommen, darf man das Wunder nicht an der falschen Stelle suchen. Wenn wir unsere Augen wirklich aufmachen und nicht alles als „natürlich ist das so“ hinnehmen, merken wir, dass wir von lauter Wundern umgeben sind.

Die Wunder bestehen darin, dass die Dinge so sind, wie sie sind. Und das lässt sich letztlich nicht erklären. Das Wunder besteht darin, dass es die Welt und uns überhaupt gibt. Wer das als „es ist einfach so“ stupide hinnimmt, wird nie auf Wunder stoßen.

Wir sind von Wundern der Schöpfung umgeben

Deshalb ist manchem Christenmenschen zu raten, auch mal ein allgemeinverständliches naturwissenschaftliches Buch zur Hand zu nehmen anstelle geistlicher Erbauungsliteratur. Er wird dann aus dem Staunen nicht mehr herauskommen, so unbegreiflich und unfassbar ist alles.

Von daher ist die Aussage “Wenn ich Gott finden will, dann gehe ich in den Wald” gar nicht mal so falsch. Das hilft ihm möglicherweise weiter als manche nichtssagende Predigt.

Jeden Morgen geht die Sonne berechenbar und pünktlich auf. Demnach dreht sich die Erde gleichmäßig und zieht zuverlässig ihre Bahn um die Sonne.

Im Rahmen der Chaosforschung kam man darauf, dass das überhaupt nicht selbstverständlich ist und dass ein solch gleichmäßiger Lauf trotz der vielen Störeinflüsse über Jahrmilliarden anhält, eigentlich ein Wunder ist. Dabei gibt es hinsichtlich der Jahrmilliarden noch viel zu klären.

BILD: Wunder-bare Baumformen im Wald (Foto: Kathy Gundlach)

Der menschliche Herzschlag wird über eine große Zahl von Schaltstellen gesteuert. Man kann die Verlaufskette der Steuerimpulse bis ins Gehirn zurückverfolgen, wo sich der eigentliche Impulsgeber befindet, wobei unklar ist, was diesen Impulsgeber antreibt.

Mittels des Blattgrüns Chlorophyll bildet die Pflanze aus Wasser, dem vielgeschmähten CO2 und Sonnenlicht unsere Nährstoffe und gibt dabei Sauerstoff ab. Wie das genau funktioniert, ist bis heute nicht bekannt. Wenn man das wüsste, wäre man einen großen Schritt weiter.

Bis heute ist nicht einmal bis in alle Einzelheiten geklärt, wie sich Regentropfen bilden und wie ein Gewitter entsteht. Beispiele gäbe es noch mehr als genug.

Falsch wäre es, Gott im jeweils noch Unerforschten zu suchen. Manches Unerforschliche wird später geklärt, und da würde es eng für Gott werden.

Nimmt man auch das Erforschte als Wunder hin, ändert sich nichts an der Feststellung, dass es wunderbar ist, dass die Dinge gerade so und nicht anders sind, und damit fängt dann der Glaube an.

Titelgemälde: Evita Gründler

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