Von Felizitas Küble
Kaum eine Tageszeitung und erst recht kein Wochenmagazin versäumt es derzeit, über den ersten Kanzler der Bundesrepublik Deutschland zu schreiben, denn das 150. Gedenkjahr seines Geburtstags gab reichliich Anlaß zu Rückblicken und Analysen der Amtszeit Konrad Adenauers.
Oft stehen dabei die klassischen politischen Themen im Vordergrund, etwa sein Ja zur Marktwirtschaft (gemeinsam mit dem legendären Wirtschaftsminister Ludwig Erhard), zur sog. Westbindung, zum transatlantischen Bündnis mit den USA.
Nicht zu vergessen seine beharrliche Versöhnungsagenda mit Israel, der Beginn der sog. „Wiedergutmachung“ sowie seine politische und persönliche Freundschaft mit dem jüdischen Staatspräsidenten David Ben Gurion (siehe Titelbild eines Buchcovers).
Auch sein Einsatz für die Freilassung von zehntausenden deutschen Kriegsgefangenen aus den Sowjet-Lagern im Jahre 1955 wird bisweilen gewürdigt; seine klare antikommunistische Position führte zur Ablehnung der Stalin-Note (einer Wiedervereinigung Deutschlands unter kommunistischen Vorzeichen) usw. 
Gelegentlich wird – zumal in kirchlichen Blättern – auch der bekennende Katholik Adenauer in den Fokus gerückt, wobei seine persönlichen Gebete während der harten Verhandlungen mit der UdSSR für die deutschen Soldaten erwähnt werden.
Tatsächlich war der erste Kanzler der Nachkriegszeit ein gläubiger Christ und Kirchgänger – was er freilich bereits in seiner Zeit als Kölner Oberbürgermeister wagemutig unter Beweis stellte, als es um seine klare Abwehrhaltung gegen die NS-Diktatur ging, wofür es bei ihm neben politischen vor allem auch religiöse Beweggründe gab.
FOTO: Buch mit dem betenden Kanzler auf dem Titelbild: „Konrad Adenauer – Der Katholik und sein Europa“
Adenauer gehörte dem katholischen „Zentrum“ an. Die deutsche Zentrumspartei vertrat sozusagen den „politischen Katholizismus“; sie ist die älteste deutsche Volkspartei (nicht die Sozialdemokraten, wie manchmal unrichtig behauptet wird). Es gab aber auch evangelische und jüdische Bürger, die sich dem ZENTRUM verbunden fühlten.
Schon in den Jahren vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten warnte das Stadtoberhaupt in der Domstadt vor der braunen Gefahr, was die SA zur Weißglut brachte. Er wandte sich in der Stadtverwaltung gegen die von NS-Seite geforderte „Gleichschaltung“ und verteidigte die Rechte der jüdischen Bürger. 
Als Hitler am 17. Februar 1933 als neuer Reichskanzler zu einem Besuch nach Köln fuhr, verweigerte Adenauer ihm mutig den Empfang am Flughafen mit der Begründung, Hitler komme als Parteipolitiker und nicht als Staatsvertreter. Zudem ließ der OB etliche Hakenkreuzfahnen an der Kölner Brück abhängen mit dem Hinweis, diese NS-Symbole seien keine staatlichen Hoheitszeichen.
Einen Monat später wurde der couragierte Oberbürgermeister von SA-Kampfgruppen aus dem Rathaus vertrieben und kurz danach amtsenthoben, obwohl er von den Bürgern für viele weitere Jahre gewählt worden war (die Amtszeit von OBs betrug damals 12 Jahre). Bereits 1917 war Adenauer erstmals zum Stadtoberhaupt gewählt worden. Damals gehörte Köln zu den größten Städten in Deutschland.
Nach seiner rechtswidrigen Absetzung flüchtete Adenauer nach Berlin und tauchte dort unter, um einer Verhaftung zu entgehen.
Der ehemalige Zentrumspolitiker trat nach dem Krieg der CDU bei und wurde Parteichef in Nordrhein-Westfalen. Als solcher wurde er 1949 zum ersten deutschen Bundeskanzler gewählt, was entscheidend zur Erfolgsgeschichte des jungen Staates beitrug.





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10 Kommentare
Und ein „Schlitzohr“ war er auch noch, der Adenauer. Im Zusammenhang seiner Reise 1955 nach Moskau, von wo er die letzten deutschen Kriegsgefangenen zurückholen wollte -und zurückholte- las ich: Die Russen wollten ihn bei der Gelegenheit „unter den Tisch trinken“.. Das war ihm bekannt. Deshalb hat er sich vorher jede Menge Lebertran einverleibt, und so ist es den Russen nicht gelungen, ihn mit Alkohol schachmatt zu setzen.. 🙂 :-)… Ja, der Alte ..
Vielen Dank Frau Küble, dass Sie uns an ihn erinnern.
Ja, so einen hätten wir heute dringend nötig.
Die Begründung Adenauers für die Beseitigung der Hakenkreuzflagge könnte auch heute für die Regenbogenflagge angewendet werden, wenn man wollte.
PS
Natürlich großer Dank für diesen großen Kommentar, der auf wenig Raum alles Wesentliche zusammenfasst — spitze, liebe Frau Küble
Was für Zeiten…. Und jetzt seine cdu als woker Haufen mit Brandmauer gegen alles, was Adenauer mal wichtig war. Wer Adenauer will, kann nur AfD wählen…
@Klaus Peter Löwe: Sie bringen es mal wieder auf den Punkt. Genau so ist es, aber leider haben das zu viele Unionswähler noch nicht verstanden. Adenauer rotiert wahrscheinlich im Grab, wenn er sich den gegenwärtigen Zustand der Unionsparteien ansieht.
So ist auch bekannt, daß der Katholik Konrad Adenauer auch bei seinen Festsetzungen im Gefängnis ganz selbstverständlich in und aus seinem christlichen Glauben lebte.
Adenauer war gottesfürchtig. Im Gegensatz zu später Regierenden in unserem Land. Und daher stand der Wiederaufbau des Landes unter ihm als erstem Kanzler „unter einem guten Stern“. Es ging beständig aufwärts – während es in unserer Zeit beständig abwärts geht. In den Psalmen der Bibel steht: „Wohl dem Volk, dessen Gott DER HERR ist. “ Die Zeit Adenauers gibt von diesem Bibelwort beredt Zeugnis!
Ein Zitat von Konrad Adenauer
„Wir leben alle unter dem gleichen Himmel.
Wir haben aber nicht alle den gleichen Horizont.“
Dieses und andere Zitate verwende ich bei der Evangelisation,
wenn Leser im Hinblick auf die Bibel sich unqualifizierte Behauptungen
anmaßen, ohne über die erforderlichen Kenntnisse zu verfügen.
„Zu frühe Urteile sind Vorurteile,
aus denen der Irrtum emporsteigt
wie der Nebel aus dem Meere.“
Pestalozzi
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Kai Sassenberg vom Leibniz-Institut für Psychologie in Trier.
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