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Trauerkultur: Warum bahren wir unsere Verstorbenen nicht mehr zuhause auf?

Von Felizitas Küble

In meiner Kindheit und Jugend habe ich es im katholischen Heimatdorf in Oberschwaben noch als selbstverständlich erlebt, daß man Familienangehörige nach ihrem Tod einige Tage in ihrem Bett oder auf einem Sofa im Wohnzimmer aufbahrte, um auf diese Weise innerlich und äußerlich langsam Abschied nehmen zu können.

Zugleich war dieses besinnliche und feierliche Brauchtum eine Art Ehrenbezeugung gegenüber dem bzw. der Verstorbenen.

Diese hilfreiche Trauerkultur und „Trauerbewältigung“ war mit „Totenwache“, Gebeten, Glockengeläut und Andachten verbunden:

In der Kapelle des Dorfes wurden am Todestag die Glocken geläutet und möglichst am selben Tag und sowieso an jedem folgenden Tag bis zur Beerdigung gemeinsam der Rosenkranz für das „Seelenheil“ des Toten gebetet.

So war die Trauerfamilie nicht allein mit ihrem Kummer und Schmerz, sondern fühlte sich gleichsam „aufgehoben“ und seelisch-menschlich umsorgt von der Dorfgemeinschaft.

Nicht nur Angehörige und Verwandte, sondern auch Nachbarn kamen ins Haus und wurden in das Totenzimmer geführt. Dort stand auf dem Tisch üblicherweise ein „Sterbekreuz“ und eine Kerze oder mehrere. Zudem sah man einen Weihwasserkessel an der Wand, so daß man die verstorbene Person mit etwas Weihwasser besprengen konnte. Zugleich betetete man ein Vaterunser oder den Angelus (Engel des HERRN) für die Tote bzw. den Toten.

Besonders häufig sprach man Fürbittgebete, z.B. bei einem verstorbenen Mann: „HERR, gibt ihm die ewige Ruhe und das ewige Licht leuchte ihm, HERR, laß ihn ruhen in Frieden. Amen.“

Diese guten Angewohnheiten sind heute leider weitgehend verlorengegangen, auch in ländlichen Gegenden, erst recht in der Stadt ist dieses tröstliche und glaubensstärkende Brauchtum fast ganz „ausgestorben“.

Manche Sitten in anderen Kulturen bei der „Totenwache“ sind auf ihre Weise symbolkräftig, wenn z.B. das Fenster geöffnet wurde, damit sich die Seele des Verstorbenen „auf den Weg machen“ konnte in sein ewiges Zuhause.

Teils sind die Gläubigen heute kaum richtig informiert und wissen gar nicht, daß die Haus-Aufbahrung nach wie vor rechtlich erlaubt ist.

Meist werden die Verstorbenen nach Ausstellung des Todesscheins durch den Arzt direkt vom Krankenhaus oder Pflegeheim aus in das Bestattungsinstitut gebracht. Viele Leute wissen nicht, daß sie das Recht haben, ihre toten Angehörigen zu sich nach Hause zu nehmen.

Im Grunde gilt die häusliche Aufbahrungs-Frist gesetzlich unbegrenzt bis zur Beerdigung, allerdings gibt es praktische Gründe für eine Begrenzung (z.B. der eventuelle Leichengeruch nach einigen Tagen). Eine Kühlplatte zwischen Matraze und Bettlaken ist im Sommer vermutlich sehr sinnvoll. Wenn die Platzverhältnisse es ermöglichen, kann man den Verstorbenen auch zuhause bereits in einen Sarg legen.

36 Stunden nach dem Tod kann man den toten Angehörigen problemlos zu Hause aufbahren. Danach benötigt man eine ärztliche Unbedenklichkeitsbescheinung und eine Genehmigung des Ordnungsamts für eine Verlängerung. Spätestens einen Tag vor der Beisetzung sollte der Verstorbene ins Bestattungsinstitut oder eine Leichenhalle überführt werden.

Unsere Autorin Felizitas Küble leitet den KOMM-MIT-Verlag und das Christoferuswerk in Münster, das dieses CHRISTLICHE FORUM betreibt

 

 

 

Kommentare

3 Antworten

  1. Interessant, wie sich die Trauerkultur geändert hat. Heute wendet man sich sofort an ein Beerdigungsinstitut und bewahrt den Toten nicht noch einige Tage im Haus aus. Gut zu wissen, dass man nach 36 Stunden eine ärztliche Unbedenklichkeitsbescheinung braucht.

  2. Ich meine, daß unsere ganze Bestattungskultur zum Schnee von gestern wird, wenn man sich ansieht, auf welche Art und Weise Verstorbene heutzutage schnellstens entsorgt werden. Aber wenn Gott keine Rolle mehr spielt, ist das die automatische Folge und nichts mehr unmöglich.
    Pietät war gestern!

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