Der Mai ist gekommen, die Bäume schlagen aus.
Da bleibe, wer Lust hat, mit Sorgen zu Haus.
Wie die Wolken dort wandern am himmlischen Zelt,
so steht auch mir der Sinn in die weite, weite Welt.
2. Herr Vater, Frau Mutter, daß Gott euch behüt‘!
Wer weiß, wo in der Ferne mein Glück mir noch blüht.
Es gibt so manche Straße, da nimmer ich marschiert;
es gibt so manchen Wein, den nimmer ich probiert.
3. Frisch auf drum, frisch auf im hellen Sonnenstrahl,
wohl über die Berge, wohl durch das tiefe Tal!
Die Quellen erklingen, die Bäume rauschen all,
mein Herz ist wie ’ne Lerche und stimmet ein mit Schall.
4. Und abends im Städtchen, da kehr‘ ich durstig ein:
Herr Wirt, mein Herr Wirt, eine Kanne blanken Wein!
Ergreife die Fiedel, du lustiger Spielmann du,
von meinem Schatz das Liedel, das sing‘ ich dazu.
5. Und find ich keine Herberg‘, so lieg‘ ich zur Nacht
wohl unter blauem Himmel, die Sterne halten Wacht.
Im Winde, die Linde, die rauscht mich ein gemach,
es küsset in der Früh‘ das Morgenrot mich wach.
6. O Wandern, o wandern, du freie Burschenlust!
Da wehet Gottes Odem so frisch in der Brust;
da singet und jauchzet das Herz zum Himmelszelt:
Wie bist du doch so schön, o du weite, weite Welt!
HINWEISE dazu von unserem Leser Ernst Friedel:
So wie die Wolken am Himmel vorbeiziehen, so möchte der Sänger hinaus in die weite Welt. Nicht für jeden ist es leicht, denn es heißt Abschied nehmen von den Lieben, die zurückbleiben. Er hofft, dass Gott sie behüten wird und es eines Tages zu einem Wiedersehen kommt.
Den Inhalt des zweiten Verses kann ich gut verstehen, denn er drückt die Gefühle aus, die ich als 20-Jähriger empfand, als ich meine Heimat und meine Eltern verließ. Auch dass ich so manche Straße nicht mehr marschieren würde, wurde mir bewusst. Manche Speise, manchen Wein werde ich in der Fremde nicht mehr essen und trinken.
Trotzdem zog es mich hinaus. Lang, lang ist’s her; mehr als sechzig Jahre.
Nun zurück zu unserem Sänger.
Er hört die Bäume rauschen, das Bächlein plätschern und die Vögel singen – und das Herz ist wie’ne Lerche und er stimmt freudig ein. Abends in der Herberge geht es fröhlich zu. Er ist frohes Mutes und trinkt den blanken Wein aus der Kanne, die der Wirt auf den Tisch stellt.
Nach ein paar Gläsern ist er gut gelaunt und denkt nicht an morgen, er bestellt für alle Gäste eine Runde blanken Weins. Ein Spielmann spielt schöne Lieder und er denkt an seinen Schatz daheim und singt freudig mit.
Am nächsten Tag geht es weiter, aber im Beutel ist nicht mehr viel Geld. Er hatte es am Abend vorher großzügig ausgegeben. Es reicht nicht mehr für eine Herberge, so übernachtet er unter freiem Himmel, unter den Sternen, unter einer Linde. Trotzdem hat ihn die Freude nicht verlassen.
Er freut sich über die Freiheit, die er genießt und er fühlt Gottes Odem in seiner Brust. In der Früh wird er von der aufgehenden Sonne, vom Morgenrot geweckt. Beim Weiterwandern stimmt er ein frohes Lied an und freut sich über die Natur und die schöne Welt.
Der Text stammt von Emanuel Geibel (1815 – 1884) und ist in dem Jahr 1841 auf Schloss Escheberg entstanden. Die Melodie stammt von dem lutherischen Pastor und Komponisten Justus Wilhelm Lyra (1822 – 1882) aus dem Jahr 1842.
Wir finden das Lied auf: https://www.youtube.com/watch?v=mJDBYL6liG8. Es singen die „Westfälischen Nachtigallen“.
„Keine politische Rede hat so viel Kraft wie das deutsche Volkslied“. So sagte Gotthilf Fischer (1928 – 2020).





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