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Vom Lebemann zum Einsiedler: Charles de Foucauld wird am 15. Mai heiliggesprochen

Von Elmar Lübbers-Paal

„Wir müssen etwas tun, sonst ruiniert er nicht nur sich selbst, sondern unser ganzes Geschlecht“, äußert sorgenschwer Tante Inès. Das Geschlecht, welches die eigentlich lebenslustige Dame aus dem alten französischen Adelsgeschlechts meint, heißt de Foucauld de Pontbriand.

Dem, den sie gehörig die Leviten lesen möchte, ist ihr Neffe. Dieser, der sich weniger aus dem Ansehen seines Familiennamens macht, als vielmehr damit beschäftigt ist, sein Vermögen mit Huren und einem luxuriösen Lebenswandel durchzubringen, wird nun heiliggesprochen: Charles de Foucauld.

Der Vatikan hatte lange mit sich gerungen. Wäre da nicht die „Geschichte“ mit den Prostituierten von Paris, Bruder Karl von Jesus, wie er sich später nennt, wäre längst in die Schar der offiziellen Heiligen der katholischen Kirche aufgenommen worden.

Die allermeisten Lebensbeschreibungen dieses neuen Heiligen beschönigen die Zeit seines Heranwachsens ungemein. Da taucht zwar schon mal auf, dass er eine „Freundin“ hatte und das er vor seiner geradezu wundersamen Bekehrung, ein unstetes Leben geführt habe, doch pikante Details bleiben außen vor. 

Dabei schmälert es nicht den Grad seiner Heiligkeit, wenn auch die früheren dunklen Kapitel aufzeigt werden. Ganz im Gegenteil: Über Charles frühes Lotterleben braucht jedenfalls kein Katholik in Schockstarre zu geraten. Für einen so drastischen Sinnes- und Lebenswandel, wie ihn Charles vollzieht, gibt es einige Vorbilder in der Kirchengeschichte!

Es sei nur auf den hl. Kirchenlehrer Augustinus verwiesen, der mit 16 Jahren ein uneheliches Kind sein eigen nannte. Heilige fallen nun einmal nicht vom Himmel!

Charles hat es, fern jeder Cortenance, so richtig krachen lassen: Der skandalöse Lebenswandel des 23-Jährigen besteht darin, dass er nur das Vergnügen – auf allen Ebenen – im Sinne hat. Davon berichten seine Vorgesetzten in der französische Armee, indem sie schreiben: „Monsieur de Foucauld kennt weder Pflicht noch Gehorsam, hat einen leeren Kopf und denkt an nichts als Vergnügen.“

Auf der elitären Offiziers-Schule in Saint-Cyr schreiben bereits seine Kameraden, dass Charles lässig ausgestreckt auf dem Kanapee (Sofa) in einem weißen, tressenverzierten Flanell-Pyjama liegt und dabei feinste Gänseleber-Pastete mit Trüffeln und erlesensten Champagner genießt.

Statt eines angehenden Offiziers betiteln seine Freunde ihn als einen „Lebemann“, der sich sogar zum Exerzierfeld in einer Kutsche fahren läßt. Selbst die Tritte jener Kutsche sind so gebaut worden, dass Charles seine Füße beim Aussteigen nicht zu heben braucht.

Da wundert es wenig, dass die Militärärzte ihn mit der Begründung „Fettsucht und Muskelschlaffheit“ zunächst zurückstellten. Während seine Kameraden den Lernstoff in der Nacht pauken, läßt er sich in die Lusthäuser von Paris kutschieren. Es ist bekannt, dass er sich, als er bereits Kavallerie-Offizier in Saumur ist, einen ganzen Flur in einem Lust-Etablissement mietet. Hierhin lädt er seine Freunde ein und feiert frivole Gelage mit den Huren, die er aus Paris herbeibringen läßt.

Selbst in der Öffentlichkeit fällt er durch anstößiges Benehmen auf, weshalb er auch  – neben seinem Ungehorsam  – aus dem Militärdienst unehrenhaft entlassen wird. Das meiste seines ererbten Vermögens, nach heutigem Wert mindestens 3 Millionen Euro, hat er mit 23 Jahren verprasst.

Vom Familienrat wird seine Cousine, Marie de Bondy, beauftragt, den inzwischen entmündigten Charles zu mehr Sittsamkeit zu führen, damit er in Bälde eine biedere Ehe und ein passables Familienleben vorweisen kann. Eine Mammutaufgabe!

Das abenteuerfreudige Temperament des gescheiterten Offiziers läßt ihn aus seinem bisherigen Leben ausbrechen und nach Nordafrika umsiedeln. Dort lernt er, vermutlich durch sein Hebräisch-Studium, Rabbi Mardochi Abi Serur aus Marokko kennen, der sein Vermögen ebenfalls durch Lustmädchen aus Paris verloren hat. Beide sind entschlossen, nach Marokko zu gehen, doch als Christ ist es Charles nicht möglich, dorthin einzureisen – ihm droht die Ermordung. So geben sich beide als Juden aus und passieren die Grenze.

Charles nennt sich zum Schutz nun Rabbi Joseph Aleman. Während seiner Studienreise wird er drei Mal lebensbedrohlich überfallen, jedoch jedes Mal von Muslimen gerettet. Diese einschneidenden Ereignisse prägen ihn sehr.

Wieder in Frankreich, veröffentlicht er über seine Marokko-Expedition das Buch „Forschungsreise durch Marokko“. Es wird zum Bestseller und der Autor wird über Frankreich hinaus bekannt. Der Pionier avanciert zum „Wüstenhelden“.

Charles erhält von der „Geographischen Gesellschaft“ die Goldmedaille, gerade wegen seiner Kartenzeichnungen des bis dahin weitgehend unbekannten Landes. Er wird als Held gefeiert und seine Familie kann nun stolz auf ihn sein.

Tante Inès sorgt umgehend wieder für seine Mündigkeit, da er nun ein Aushängeschild der Familie ist. Seine Cousine Marie versucht mit Hilfe von Schriften über das Heiligste Herz Jesu, die Seele von Charles auf das Ewige zu lenken. Seine Tante ist pragmatischer und bringt Charles in ein anregendes Gespräch mit Kaplan Huvelin. Es entwickelt sich eine lebenslange Freundschaft zwischen den beiden.

Nach einer Lebensbeichte beim Kaplan ist Charles wie ausgewechselt. Er stürzt sich aufrecht in das Wagnis des Glaubens. Charles ist kein Mann der halben Sachen. So wird er Mönch in dem strengsten Kloster der katholischen Kirche. Mit 32 Jahren wird er Trappist und erhält den Ordensnamen Bruder Maria-Alberich. Nach sieben Jahre im Kloster zieht es ihn als einfachen Knecht zu dem Orden der Klarissen in Nazareth.

In Frankreich wird er 1901 zum Priester geweiht und wandert sodann als Einsiedler nach Algerien aus –  an der Grenze zu Marokko. Dort betreut er französische Soldaten und setzt sich gegen den Sklavenhandel ein. 1905 übersiedelt Charles in die Oase Tamanrasset im Hoggar-Gebirge im Süden des Landes.

Hier nimmt er Kontakt mit den Mitgliedern des Stammes der Tuareg auf, denen er stets freundschaftlich verbunden ist. Charles, der sich nun als „Bruder Karl von Jesus“ bezeichnet, studiert die Sprache der Einheimischen und fertigt ein Übersetzungswerk an.

Seine Mission besteht darin, das Christentum nicht durch markige Worte, sondern durch den gelebten Gauben, auch in kleinen Hilfen und in persönlicher Bescheidenheit, zu bezeugen. Er träumt davon, einen Orden zu gründen, doch zeitlebends bleibt er in seiner Lehmhütte allein.

Durch einen Hinterhalt wird Charles de Foucauld 1916 erschossen.

In der Sahara bildete sich erst 1933 die Gemeinschaft der Kleinen Brüder Jesu und ab 1939 auch die Kleinen Schwestern Jesu, die ebenfalls nach den Regeln dieses neuen Heiligen leben.

So wird uns durch den unglaublichen Lebenswandel von Charles de Foucauld aufgezeigt: Es ist nie zu spät für Veränderungen! Man muß nur damit beginnen!

                             Foto-Quelle (Titelbild): https://www.vaticannews.va/de/papst/news/2021-05/konsistorium-papst-franziskus-heiligsprechungen-3-mai-pandemie.html

 

Kommentare

4 Antworten

  1. Von dem demnächst heiligen Charles de Foucauld ist ein Ausspruch überliefert, den er so um 1917 getan haben soll, also um die Zeit, als Frankreichs mit Blick auf den Sieg im Ersten Weltkrieg auf dem Höhepunkt seiner Macht stand. Charles de Foucould soll vorhergesagt haben, dass Frankreich Algerien – seinerzeit nicht als Kolonie, sondern als Teil des Mutterlandes angesehen – verlieren werde, wenn es nicht gelinge, die Algerier für Christus und seine Kirche zu gewinnen. Jedenfalls ist es nach wenig mehr als 50 Jahren so gekommen.

    1. Also das Christentum als Kitt und Schmiermittel für koloniale Expansion?

      Das ist eine der Schattenseiten von Charles de Foucauld: er war ein sehr „patriotischer“ Franzose, der die Algerier genauso zu aufrechten Franzosen wie zu überzeugten Christen bekehren wollte. Ein Ausspruch von ihm lautet ungefähr: „wenn man sie schon nicht zu Christen bekehren kann, dann sollen sie wenigstens gute französische Staatsbürger werden“.
      Manche Herrschaften mögen solch eine Einstellung toll finden, ich halte nichts von der Verquickung von Christentum mit irgendeiner anderen Ideologie.

  2. Alles gut und schön. Aber muss es gleich eine Heiligsprechung geben?
    Ist es nicht eher das Büsserleben, was nach er Bekehrung sein Leben ausmachte?

    Ich vermute, er selbst würde die Heiligsprechung ablehnen. Eben wegen seindem Leben vor der Bekehrung.
    Evtl. bei der Seligsprechung bleiben.
    Ich meine, wir Katholiken sollten nicht alle möglichen Vorbilder gleich heilig sprechen.

    Ich denke an Personen, die vorschnell heilig gesprochen wurden. Zum Beispiel der Gründer vom Opus Dei.

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