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Judenhaß beschränkt sich nicht auf Islamisten

Von Michaela Koller

Bislang liberale Gruppierungen in Ägypten schlagen neuerdings wiederholt judenfeindliche Töne an, selbst die betont säkulare „Neue Wafd Partei“. Ihr Generalsekretär ist der ägyptische Christ Mounir Fakhri Abdel Nour, der seinen Onkel Saad 2003 in dieser Funktion beerbte; die Parteispitze umwirbt gerne die christliche Minderheit als Wählerpotential. Immerhin stellen die einheimischen Kopten je nach Quelle rund zehn Prozent oder mehr der Bevölkerung.
In der Ausgabe der Parteizeitung „Al Wafd“ vom 14. März 2012 jedoch durfte die Autorin Fikriya Ahmed judenfeindliche Gräuelmärchen verbreiten, wie es eigentlich sonst bei islamistischen Parteien regelmäßig vorkommt.
Sie wirft den Juden vor, am Purimfest traditionell Rachemorde an Nichtjuden zu verüben und anschließend das Blut rituell in Leckereien zu verarbeiten. Aktuell würden Palästinenser Opfer dieser angeblichen Tradition. Detailliert schildert sie die zwei Wege, um an Blut zu gelangen: durch Schächten oder durch Folter. Das Blut sei anschließend getrocknet und unter das Mehl für das Purimgebäck gemischt worden. Heutzutage würden diese Methoden durch Militäraktionen und Terrorakte ersetzt.
Der Artikel war nicht der erste Ausrutscher in diese Richtung: Im Juni vorigen Jahres hatte die Spitze der Partei, in deren Logo Halbmond und Kreuz prangen, gar eine Allianz mit der Freiheits- und Gerechtigkeitspartei der Muslimbruderschaft angekündigt. Die Befürworter dieses Schrittes gerieten aber innerparteilich so unter Druck, dass sie wieder aus der Allianz austraten.
Der gemeinsame Nenner ist dabei offenbar ein Judenhass, der über bloß einseitige Vorwürfe gegen Israel weit hinaus geht. Vize-Parteichef Ahmed Ezz el-Arab stellte ihn im Juni vorigen Jahres unter Beweis, als er der „Washington Times“ ein Interview gab. Darin leugnete er den Holocaust, bezeichnete das Tagebuch der Anne Frank als eine Fälschung und lastete dem israelischen Auslandsgeheimdienst Mossad zusammen mit den amerikanischen Kollegen von der CIA den Massenmord vom 11. September 2001 an.
Auch Christen tragen zuweilen zu dieser Hetze bei: Der im März 88-jährig verstorbene Kopten-Papst Schenouda III. ließ im Juni 2006 etwa in einer Pressemitteilung verbreiten, dass der damals gerade neu erschienene Film „Da Vinci Code – Sakrileg“ und dessen Romanvorlage von Dan Brown das Resultat einer jüdischen Verschwörung gegen das Christentum seien. Er war zudem ein entschiedener Gegner des Friedensvertrags mit Israel.
Bekannt ist, dass der Frieden zwischen dem jüdischen Staat und Ägypten, der im US-amerikanischen Camp David im März1979 geschlossen wurde, immer ein kalter Frieden geblieben ist.
Jedoch ist der Erkenntnis noch nicht sehr verbreitet, dass dafür nicht allein der anhaltende Nahost-Konflikt, Islamisten und die verbliebenen nasseristischen Nostalgiker (Gamal Abdel Nasser, ägyptischer Präsident von 1954 bis 1970) verantwortlich sind.
Diese Erklärung wäre auch unhistorisch: Bereits kurze Zeit nach dem ersten Nahostkrieg 1948 holte sich König Faruk (1936 bis 1942) gezielt ehemalige deutsche Wehrmacht-Offiziere als Militärexperten ins Land, darunter General Artur Wilhelm Schmitt, der ab 1966 Abgeordneter der NPD im Bayerischen Landtag war.
Die Gründung des Staates Israel 1948, der Suezkrieg 1956, der Sechstagekrieg 1967 lieferten jeweils den Vorwand, Ägypter jüdischen Glaubens zu vertreiben; sie wurden aufgrund ihrer Religion zu Staatsfeinden erklärt, waren Pogromen ausgesetzt und wurden teilweise sogar in Gefängnissen und Lagern festgehalten; viele wurden zudem enteignet. Von rund 75.000 Juden leben nur etwa 800 noch am Nil, gerade einmal 100 in der Hauptstadt Kairo.
Im Stadtteil Fostat befindet sich der Gedenkort, an dem der Überlieferung nach Moses in einem Körbchen von der Tochter des Pharaos aus dem Wasser gefischt wurde. Gleich daneben steht die wohl älteste Synagoge der Welt, die Ben Esra Synagoge, in der schon der große jüdische Aristoteliker Maimonides im 12. Jahrhundert betete. Die ägyptische Altertumsbehörde bewacht diesen Ort.
Michaela Koller ist Politikwissenschaftlerin, Buchautorin, Vatikan-Korrespondentin und Mitherausgeberin des Web-Magazins VATICANISTA
FOTO: Michaela Koller überreicht dem Papst eines ihrer Bücher
Erstveröffentlichung des Artikels in EXPLIZIT:  http://www.explizit.net/Aktuelles/Judenfeindschaft-nicht-nur-unter-Islamisten-verbreitet

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