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Zum Problemfeld (un)geistlicher Übergriffe in charismatischen Bewegungen

Von Felizitas Küble

Allein in dieser Woche führte ich mehrere Gespräche mit Betroffenen von seelsorglichem Mißbrauch – darunter sowohl Katholiken wie Protestanten. 

Seit Jahrzehnten wenden sich Aussteiger aus religiösen Gruppen an mich, weil ihnen meine kritischen Schriften in die Hand gelangt sind oder weil sie im Internet nach Aufkärung suchen und dann auf unserer Webseite landen.  (Hier findet man ca 70 Artikel in unserer Kategorie „Pastoraler Missbrauch“: https://christlichesforum.info/category/geistlicher-pastoraler-missbrauch/)

Dabei fällt mir auf, daß die meisten Geschädigten aus der charismatischen bzw. pfingstlerbewegten Szene stammen, einige auch aus erscheinungsfixierten Kreisen (etwa Medjugorje-Gebetsgruppen), die jedoch wiederum Schnittmengen mit dem Schwärmerspektrum aufweisen. (Die früher getrennten Strömungen gehen seit Beginn der 80er Jahren teils ineinander über).

Sodann hat sich von meinen Erfahrungen her klar herauskristallisiert, daß die Mehrheit der Betroffenen Frauen im mittleren Alter ausmachen, also zwischen 35 und 60 Jahren. Männer melden sich in dieser Hinsicht allgemein selten – und wenn, dann eher als indirekt Geschädigte (wenn etwa die Ehefrau oder Verlobte in eine fanatische Gruppe abgedriftet ist).

Nun wurde am 2. Februar auf „Katholisch.de“  –  dem Portal der DBK (Dt. Bischofskoferenz)  –  ein Artikel veröffentlicht, der sich dem Thema „spiritueller Missbrauch“ zwar immerhin widmet, allerdings Roß und Reiter nicht handfest beim Namen nennt: https://www.katholisch.de/artikel/43397-theologin-leimgruber-spiritueller-machtmissbrauch-ist-drastisch

Die katholische Pastoraltheologin Ute Leimgruber wird dahingehend zitiert, übergriffige Seelsorge geschehe etwa bei der „Beichte oder geistlichen Begleitung, aber auch in geistlichen Gemeinschaften“. 

Der Ausdruck „geistliche Gemeinschaften“ ist ziemlich unbestimmt und weit gefaßt – geht es auch konkreter?

Missbrauch in der Seelsorge geschieht nämlich am häufigsten in schwärmerischen und/oder sektiererischen Gruppierungen, selten jedoch in  katholischen oder evangelischen Kirchengemeinden. Seit Jahrzehnten hat sich jedenfalls bei mir keine einzige betroffene Person gemeldet, die dergleichen in einer „normalen“ Pfarrei erlebte.

Sodann heißt es in dem erwähnten Artikel weiter:

„Das Thema werde zwar erst seit kurzem öffentlich und wissenschaftlich diskutiert; sie habe aber den Eindruck, dass die Verantwortlichen in der Kirche es durchaus ernst nähmen, sagte Leimgruber.“

Das Problemfeld „geistlichen Machtmißbrauchs“ wird in Wirklichkeit schon lange öffentlich wahrgenommen, nämlich (abgesehen von meiner katholischen Wenigkeit) seit Jahrzehnten im evangelikalen Spektrum mit entsprechenden Buchveröffentlichungen, also im theologisch konservativen evangelischen „Lager“; dieses steht der Charismatischen Bewegung zum Teil seit jeher kritisch gegenüber (vgl. etwa die „Berliner Erklärung“ dazu).

Mit Recht stellt die Theologin Leimgruber sodann fest: „Grundsätzlich sollten alle Alarmglocken schrillen, wenn irgendwo ein Guru auftaucht.“ Problematisch werde es auch, wenn Mitglieder einer Gemeinschaft „nicht über ihre Rechte aufgeklärt werden und wenn es keine Kritik geben darf“. Auch ein gewisser „Zwang zur Freude“ sei gefährlich, fügt sie hinzu.

Genau diese drei Problemfelder kommen besonders häufig in charismatischen Zusammenhängen vor:
Der Gründer und/oder Leiter der Gruppe ist ein besonders „erleuchteter“, mit außergewöhnlichen Geistesgaben von oben  „Gesalber“.
Kritik an ihm bedeutet unter dieser Voraussetzung gleichsam einen Aufstand gegen Gott und vor allem gegen den Heiligen Geist und seine „Propheten“.

Auch die euphorische Halleluja-Frömmigkeit, wie sie in diesen Kreisen gerne gepflegt und meist von den Mitgliedern auch erwartet wird, hat bisweilen etwas Aufgesetzes, Bemühtes und Künstliches.

Mir ist mehrfach aufgefallen, daß das Dauerlächeln und ständige Ach-was-bin-ich-doch-ein-froher-Christ-Grinsen aufhört, sobald die Betreffenden die Schwärmerszene verlassen. Dann zeichnet sich die neu entstandene „Normalität“ bzw. geistig-seelische Nüchternheit auch im Gesichtsausdruck ab.

Unsere Autorin Felizitas Küble leitet den KOMM-MIT-Verlag und das Christoferuswerk in Münster, das dieses CHRISTLICHE FORUM betreibt

 

Kommentare

8 Antworten

  1. Durch Ihre Interpretation erhält der verlinkte Inhalt bereits jetzt ein wenig Gehalt. Im Artikel sagt Frau Leimgruber, dass die DBK im Frühjahr ein Papier zum Thema veröffentlichen wird. Man darf gespannt sein, ob hierin konkrete Problemlagen genannt und analysiert werden. Ob floskelhafte a-priori Befürchtungen, wie im Interview, dafür aber auf ca 200 Seiten ausgebreitet, die Herrschaft über die Zeilen gewinnen werden?

  2. Leute wie auf YouTube Menschenfischen erreichen tausende mit einer halb konservativen und auch Medjugorie gläubigen Art. Der wahre katholische Geist führt jedoch über das Kreuz und dem Dienst an unseren armen Brüder und Schwestern. Der rein sakramtale Christus und das Beten des Rosenkranzes, wie ihn die Kirche lehrt, reicht aus. Warnte uns Jesus nicht vor jenen, die in Schafskleidern zu uns kommen.

  3. Ein weites Feld.
    Zu überlegen wäre aber ebenso, auch der biblischen Maxime der Selbsterkenntnis folgend, warum grade im reichen Westen Frauen zwischen 35 und 60 so anfällig sind und so unnüchtern, dass sie nahezu jeden Mist glauben und mitmachen.
    Ist ja in der Esoterik genau dasselbe.
    Ich bin sicher, dass das auch eine zeitgeistliche Erscheinung ist und dem Feminismus mitzuverdanken. Frau will nicht einfach Frau sein im normalen Lebenskampf, nein, es muss etwas Besonderes sein.
    Etwas Elitäres. Etwas, das Frau auszeichnet.
    Siehe Eva.
    Ja, Satan hat sich nicht umsonst Evas bedient, und nicht Adam….

  4. Liebe Frau Küble,
    betreiben Sie weiter die Aufklärung über die Charismatik.
    Weil viele Menschen keinen Halt mehr in den Gemeinden finden, und eigentlich nach geistigem Leben suchen, kommen gerade die charismatischen Kreise in diese Lebensenttäuschung hinein und versprechen Freude, Gemeinschaft und Gebet.
    Aus der Charismatik weider rauszukommen ist schwierig.

    Die Priester in den Gemeinden müssen öfters darüber predigen.
    Aber es dreht sich alles meist um sich selbst.

  5. Mir ist mehrfach aufgefallen, daß das Dauerlächeln und ständige Ach-was-bin-ich-doch-ein-froher-Christ-Grinsen aufhört, sobald die Betreffenden die Schwärmerszene verlassen. Dann zeichnet sich die neu entstandene „Normalität“ bzw. geistig-seelische Nüchternheit auch im Gesichtsausdruck ab.

    Treffend formuliert bzw. zum Ausdruck gebracht.

    MfG

    1. Guten Tag
      und danke für den iinteressanten Hinweis.
      Er bestätigt zudem, was ich schrieb, denn die EAD (Evangelische Allianz in Deutschland) ist ein evangelikaler Dachverband.
      Dieses Spektrum ist vielfach schon lange hellwach bei dieser Problematik.
      Freundlichen Gruß
      Felizitas Küble

      1. Es ist sehr erfeulich, daß ein großer evangelikaler Dachverband (Evangelische Allianz in Deutschland- EAD) geistlichen Mißbrauch erkannt hat und bekämpft. Ich erkenne auch sonst viele positive Aspekte der und in der EAD. Das darf aber nicht verdecken große Unterschiede zwischen der EAD und uns (Evangelisch)-Konservativen (den Ausdruck Konservative benutzt übrigens ausdrücklich/wortwörtlich der bekannte Evangelikalismusexperte, das Allianzmitglied Prof. Dr. Stephan Holthaus in seinem Standardwerk über Evangelikale). Die EAD duldet schlimme Irrlehren, im Gegensatz zu uns etwa Charismatik/Pfingstlerei oder Bejahung weiblicher Gemeindepredigt/Gemeindeleitung, um nur wenig zu nennen.

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