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Türkei: Christen und Muslime trauern um das IS-Mordopfer Tuncer Murat Cihan

Von Elmar Lübbers-Paal

„Das Böse ist sogar in die Kirche eingedrungen. Wir müssen eifriger sein, wir müssen mehr beten. Unser verstorbener Bruder hat es versucht. Er rettete unsere Gemeinschaft wie ein Engel. Deshalb hat er sein Leben verloren“, stellte der Apostolische Vikar von Istanbul, Bischof Massimiliano Palinuro, bei der Trauerfeier für das Attentatsopfer Tuncer Murat Cihan Kimdir fest.

Der seit Dezember 2021 in sein Amt eingesetzte Oberhirte sprach der Familie sein Beileid aus. 

Am 28. Januar 2024 verübten zwei Mitglieder der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) ein Attentat in der katholischen Kirche St. Maria Draperis, die direkt an der Fußgängerzone der Istanbuler Innenstadt liegt und dort bereits seit 1769 existiert.

Wegen seiner künstlerischen Ausgestaltung zählte sie zu den touristischen Sehenswürdigkeiten. Täglich werden hier heilige Messen gefeiert. An den Wochenenden sogar in italienisch, spanisch und englisch.

Vielleicht war das auch ein Grund, weshalb die Attentäter sich für diesen Ort entschieden, denn auch ausländische Behördenvorsteher, die in der Stadt am Bosporus im Dienst sind, nutzen die katholischen Gottesdienste.

So war am Anschlagstag auch der polnische Generalkonsul in Istanbul, Witold Lesniak, mit seinen Kindern bei dieser Sonntagsmesse anwesend, wie „Gazete Duvar“ berichtete. Die Sonntagsmesse hatte bereits begonnen, als Tuncer Murat Cihan die Kirche betrat. Direkt nachdem die beiden Attentäter, ein Tadschike und ein Russe, die Kirche betraten, drehte sich Tuncer Murat um und fragte laut: „Was macht ihr hier?“

Darauf waren die Täter nicht vorbereitet. Dieser Zwischenfall brachte sie aus ihrem Konzept. Einer der Täter schlug den Mann mit alevitischen Glauben nieder, ehe man ihn mit einem gezielten Kopfschuss hinrichtete. Eine weitere Kugel blieb in einer Kirchenbank stecken. Danach war die Waffe blockiert und die Attentäter konnten keinen weiteren Schuss mehr abgeben.

Die IS-Terroristen flüchteten umgehend aus der Kirche, in der sich die fast 40 Gottesdienstbesucher zu ihrem Schutz unter die Kirchenbänke begeben hatten. Innerhalb eines halben Tages hatte die Polizei nicht nur die beiden mutmaßlichen Täten gefasst, sondern auch 51 weitere Personen festgenommen, die verdächtigt werden, mit dem Anschlag im Zusammenhang zu stehen.

Bereits im Dezember hatten die türkischen Sicherheitskräfte 32 IS-Dschihadisten festgenommen, da man Anschläge auf Kirchen, Synagogen und Botschaften befürchtete. Eigentlich werden die christlichen Kirchen von Sicherheitsdiensten bewacht, doch ausgerechnet vor der Attentatskirche St. Maria Draperis waren sie vor vier Wochen abgezogen worden.

Die älteste Schwester des Mordopfers, Özlem Cihan, verriet, dass Tuncer Cihan bereits mit seinen 52 Jahren in Rente war, da er eine anerkannte Behinderung von 80 % hatte. Der Neffe des Opfers sagt: „Er war mein Onkel. Er war definitiv ein unschuldiges Opfer“.

Sowohl sein Hausarzt als auch Mitbewohner seines Wohnviertels, die an der Trauerzeremonie teilnahmen, bestätigten den guten und milden Charakter des Ermordeten. „Er war ein Engel und konnte keiner Fliege etwas zuleide tun!“, heißt es einhellig.

Und tatsächlich ist Tuncer Murat Cihan Kimdir für die rund 40 Gottesdienstbesucher dieser katholischen Kirche zu einem Engel geworden. Seit etwa zwei Monaten besuchte der muslimische Alevit die heiligen Messen in der Marienkirche. Gemeindemitglieder, die Tuncer Cihan sehr schätzen und zu denen er auch guten Kontakt pflegte, nehmen an, dass gerade die würdige Liturgie durch die meist italienischen Franziskaner und die künstlerische Ausgestaltung der Kirche sein Interesse an den Gottesdienst hat wachsen lassen.

Ein Teilnehmer der Trauerfeier meinte: „Die Kugel, die Tuncer traf, wurde auch auf die Einheit und Solidarität unseres Landes und unserer Demokratie abgefeuert.“  – Es dürfe nicht gelingen, das sie „ihr Ziel erreicht“.

Neben der Mutter des Mordopfers, Nuriye Cihan, und ihrem Bruder Engin Cihan sowie weiterer Familienangehörige, Freunde und Nachbarn nahmen an dem Ritus auch der Apostolische Vikar von Istanbul, Massimiliano Palinuro, der Präsident der Stadtverwaltung von Istanbul, Ekrem İmamoğlu, der Bezirksgouverneur von Eyüpsultan, İhsan Kara und der Bürgermeister von Sarıyer, Şükrü Genç, teil.

Der Präsident der Stadtverwaltung,  Ekrem İmamoğlu,  mahnte: „Wir werden dem Terrorismus mit der menschlichsten, gewissenhaftesten Haltung und Sprache standhaft entgegentreten. Der Angriff ist ein Angriff auf uns alle. Mein Beileid gilt uns allen“.

Im Anschluss an die Trauerfeier fand die Beerdigung auf dem Hasdal-Friedhof statt, wo vor fünf Jahren Cihans Vater beigesetzt wurde. Die Teilnehmer waren sich, unabhängig ihrer jeweiligen Konfession, sicher, dass sie soeben einen „Engel“ zu Grabe trugen.

Nach der Tradition des katholischen Glaubens könnte die Kirche auch offiziell feststellen, dass Tuncer Cihan für Christus und in Solidarität für die Christen vor Ort starb und durch sein Martyrium die Bluttaufe empfangen hat. 

Von den 86 Millionen Einwohnern der Türkei sind 99 Prozent Muslime. Nach Angaben von „Open Doors“, dem Hilfswerk für verfolgte Christen, leben derzeit nur noch rund 170.000 Christen in der Türkei.

 

Kommentare

8 Antworten

  1. Die Türkei ist das beste Beispiel dafür, was aus einem christlichen
    Land durh Moslems geworden ist.
    Die Türkei war einmal ein christliches Land. Diese Zeiten sind lange
    vorbei. Jetzt ist die Türkei islamisch.

    Die meisten Griechen nennen Istanbul heute noch Konstaniopel. Wie damals, zu christlichen Zeiten.

    Ziemlich unbegreiflich auch, dass so sehr viele Deutsche Urlaub in
    diesem Land machen. Als gäbe es nichts anderes. Eine Alter-
    native wäre durchaus Kroatien. Wenn es nicht unser eigenes Land
    sein soll.

  2. Shalom, Tuncer Murat Cihan ist für mich ein Beispiel, dass es nicht auf die Religion, ankommt sondern auf die Liebe . „An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen..“
    Ich kann mir vorstellen, dass Murat bereits den Himmel offen sah und den Tod nicht geschmeckt hat. „Wer an mich (Macht der Liebe) glaubt , wird leben, selbst wenn er stirbt.„ sagt Jesus Christus . Heilige müssen auch Wunder vollbringen. Allein dass die Waffe geklemmt hat und weitere Opfer und Leid verhindert wurden, ist für mich nicht nur ein Wunder, sondern eine Verkettung von Wundern . Es gäbe noch viel dazu zu schreiben, jedoch Gott allein kennt die Wege, wie er uns ins Vaterhaus zurück bringen kann.

  3. So zu tun, als ob das Opfer Moslem gewesen wäre, ist heuchlerisch. Er war Alevit. Was ist der Unterschied zwischen einem Moslem und einem Alevit? Der Moslem glaubt daran, dass sich Gott im Koran manifestiert, der Alevit glaubt, dass Gott sich im Menschen manifestiert. Daraus ergibt sich, wer den Christen theologisch näher ist. Im übrigen stehen Muslime und Aleviten in der Türkei in Konkurrenz. Bei uns werden beide immer vermischt. Das ist falsch!

    1. Guten Tag,
      Sie haben recht, ich habe über die Benachteiligung der Aleviten in der Türkei auch schon berichtet. Tatsächlich stehen sie auch theologisch dem Christentum näher als die eigentlichen Muslime. Mag das Opfer auch Alevit christlicher Prägung gewesen sein, so ändert es nichts daran, daß an dieser Trauerfeier auch Muslime in amtlicher Funktion teilgenommen haben.
      Freundlichen Gruß
      Felizitas Küble

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