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Große Wallfahrt der Heimatvertriebenen auf den Schönenberg bei Ellwangen

Von Stefan P. Teppert

Flüchtlinge und Heimatvertriebene des Zweiten Weltkriegs pilgerten am 21. Mai 2023 zum 73. Mal zur Wallfahrtskirche auf den Schönenberg bei Ellwangen, eine erste und fortwährende Stätte ihres Widersehens nach Entwurzelung und Zerstreuung.

Veranstalter war die Arbeitsgemeinschaft Katholischer Vertriebenenorganisationen (AKVO) in der Diözese Rottenburg-Stuttgart mit ihrem Geschäftsführer Prof. Dr. Rainer Bendel.

Am Portal der beliebten Wallfahrtskirche „Unsere Liebe Frau“, einem Juwel barocker Baukunst, überbrachte der Ellwanger Bürgermeister Volker Grab die Grüße des Gemeinderats und hieß die Gäste, darunter Trachten- und Fahnenträger aus dem Sudetenland, willkommen.  

Er zeigte sich erfreut darüber, dass in diesem Jahr Bischof Bohdan Dzyurakh (siehe Foto), der Apostolische Exarch der Ukrainisch-Katholischen Kirche des byzantinischen Ritus in Deutschland und Skandinavien, Prof. Dr. Oleh Turiy, der Vizerektor der Ukrainisch-Katholischen Universität Lviv/Lemberg sowie ein Schülerchor aus der Slowakei die Wallfahrt aktiv mitgestalten würden und dass eine besondere Einladung an Geflüchtete aus der Ukraine ergangen war.

Der Bürgermeister dankte den Redemptoristen, die seit über 100 Jahren die Wallfahrten auf den Schönenberg betreuen und jährlich über 200.000 Besucher empfangen, sowie den Musikern des Musikvereins Rattstatt, die im Freien aufspielten.

Der Hauptzelebrant Bischof Bohdan Dzyurakh richtete in seiner Predigt den Blick auf das, was uns als Menschen Halt, Identität und Zuversicht gibt: eine Heimat, ein Zuhause, ein Vaterland. Stärker und voller Freude schlage unser Herz, wenn wir in unsere Heimat zurückkehren.

Dagegen breche es uns das Herz und betrübe uns, wenn man uns das Recht auf Heimat versagt und wir unserer Heimat beraubt werden. In einer solchen Situation ziehe es uns den Boden unter den Füßen weg, und es öffnen sich Abgründe quälender Ungewissheit, existenzieller Bedrohung und menschlicher Verzweiflung.

Charta der deutschen Vertriebenen gewürdigt

Der Bischof stellte die Charta der deutschen Heimatvertriebenen von 1950 als Paradebeispiel heraus, wie man auf Rache und Vergeltung verzichten und sich für den Weg der Vergebung und Versöhnung entscheiden kann. Dies habe maßgeblich zu einem viele Jahrzehnte langen friedlichen Zusammenleben der Völker beigetragen, bis am frühen Morgen des 24. Februar 2022 die Welt sich radikal durch Russlands Krieg gegen die Ukraine änderte, zumindest im Westen Europas, während dasselbe für die Ukrainer bereits im Februar 2014 mit der Annexion der Krim und dem darauffolgenden hybriden Krieg im Osten des Landes erfolgt war.

Dzyurakh wies auf die 13 Millionen Menschen hin, die aus den direkt angegriffenen und bedrohten Gebieten der Ukraine flüchten mussten, und auf etwa 100.000 ukrainische Kinder, die zwangsweise zur Umerziehung nach Russland deportiert wurden. Hinter jeder betroffenen Person stehen zerstörte Träume, durchkreuzte Pläne, verstümmelte Schicksale.

Dem können wir, so der Apostolische Exarch abschließend, vor allem die Erinnerung an die Opfer entgegensetzen, die Wahrheit gegen Propaganda und das Gebet mit der Bitte um den Geist der Versöhnung, die langfristig das Ziel bleibt, selbst inmitten von Leid und Unrecht.

Brennende Kerzen für die Opfer

Zum Gedenken an die Opfer von Gewalt, Flucht und Vertreibung und an alle, die auch heute verfolgt sind und Heimat suchen, wurden von Frauen in Tracht brennende Kerzen zum Altar getragen:

Für die Ackermann-Gemeinde (Katholiken aus Böhmen, Mähren und österr. Schlesien), für den Hilfsbund karpatendeutscher Katholiken (Pressburg, Zips, Hauerland), für die Eichendorff-Gilde  (Schlesien), für die Ermland-Familie (Ostpreußen, Bistum Ermland), für das St. Gerhardswerk (Südosteuropa), für das Bistum Rottenburg-Stuttgart und alle, die nach 1945 und nach der Wende 1989 dorthin gelangt sind, und schließlich eine Kerze für alle, die unter den Folgen des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine leiden und ihres Lebens, ihrer Heimat, ihrer Gesundheit und Freiheit beraubt wurden.

In der folgenden Glaubenskundgebung fragte Prof. Dr. Oleh Turiy, was man als Einzelner oder Gruppe einem diktatorischen Regime entgegenstellen kann. Es stelle sich heraus, dass man viel tun kann, nämlich Zeugnis geben und sich bemühen, frei zu sein, auch wenn der Preis hoch ist.

Verfolgung der uniert-katholischen Ostkirche

Stalin und der totalitäre Kommunismus der Sowjetunion wollten die Ukrainische Griechisch-Katholische Kirche zerstören, weil sie die Institution war, welche die Menschen am effektivsten vereinte und die westukrainische Gesellschaft konsolidierte.  Sie sperrten die Leitung ein, beschlagnahmten das gesamte Eigentum der Kirche und zwangen die Gemeinden in die Katakomben. Sie waren jedoch nicht in der Lage, die Kirche selbst zu zerstören.

Von 1946 bis 1989 war sie die größte illegale kirchliche Gemeinschaft der Welt und die richtunggebende soziale Struktur der direkten Opposition gegen die kommunistische Ideologie in der UdSSR.

BILD: Prof. Rainer Bendel im Gespräch mit Prof. Oleh Turiy (links)

Es sei der Kirche gelungen, sehr unterschiedliche Menschen zu vereinen, die bereit waren, sich dem System zu widersetzen und ihre Überzeugungen nicht zu verraten. Bei den Mitgliedern dieser Katakombenkirche habe sich, so Turiy, eine Kultur des Widerstandes herausgebildet.

Die persönliche und gemeinschaftliche Freiheit sei von einer zur nächsten Generation weitergereicht worden. Eine spirituell engagierte Gemeinschaft habe „Nein“ zu dem scheinbar allmächtigen System gesagt und so als Schule der Freiheit und Katalysator für umfassendere Prozesse gedient, die zum Zusammenbruch der Sowjetunion, zur Wiederherstellung der religiösen und bürgerlichen Freiheiten, zur Wiedergeburt der unabhängigen Ukraine mit einer starken Zivilgesellschaft beitrugen.

Der jetzt in Russland herrschende Revisionismus und die Sehnsucht nach totalitärer „Größe“ erzeugen Hasspropaganda und einen Angriffskrieg. Erneut seien die Ukraine und ukrainische Christen ein Ziel. Doch sollten wir, schloss Turiy, keine Angst vor der Zukunft haben, sondern Freiheit und Würde, zu denen wir berufen sind, zur Realität werden lassen.

Gesprächsrunde über die Ukraine

Nach dem Mittagessen im Bildungshaus konnten die Pilger einem Gespräch mit Prof. Dr. Oleh Turiy über seine ukrainische Heimat folgen und Fragen stellen. Im Gegensatz zu Russland, führte Turiy aus, habe die Ukraine durch die Zugehörigkeit ihrer westlichen Teile zu verschiedenen westlichen Ländern eine europäisch aufgeklärte Prägung und demokratische Orientierung.

Auch ihre konfessionelle Pluralität ermögliche mehr Freiheit und Diversität, die aber von einem gesellschaftlichen Konsens der Zusammengehörigkeit getragen sind. Die Menschen empfinden sich nicht nach Ost und West aufgeteilt, sondern danach, ob sie die Ukraine gutheißen oder nicht. Deshalb kämpfen auch russischsprachige Ukrainer im Osten gegen den russischen Aggressor.

In Europa konnte wieder Krieg ausbrechen, weil der Totalitarismus nur im Westen beseitigt wurde. Trotz des Zusammenbruchs der Sowjetunion habe dagegen in Russland keine Aufarbeitung stattgefunden, man sei stehengeblieben bei der alten Unfreiheit, autoritären Regimen, überkommenen Methoden und Strukturen der Unterdrückung sowie dem dazugehörenden Menschenbild.

Selbst die russisch-orthodoxe Kirche sei nur die ideologische Abteilung des Regimes, an der Vorbereitung von Waffengängen und ihrer propagandistischen Flankierung beteiligt. 

Putin und seine Generäle hätten zwar verstanden, dass die Ukraine sich auf immer aus dem russischen Imperialismus lösen will, aber nicht realisiert, dass dort längst eine Gesellschaft mit europäischen Werten entstanden war. Turiy rundete seine Darlegungen mit dem Hinweis ab, für die Ukrainer sei es schmerzlich, wenn Westler ihnen zumuten, Putins Ansprüchen nachzugeben. „Sie sind keine Sklaven und entscheiden selbst.“

Die Marienandacht am Nachmittag zelebrierte Dekan Matthias Koschar, der Bischöfliche Beauftragte für Heimatvertriebene und Aussiedler aus Tuttlingen. Wie schon am Morgen oblag die musikalische Gestaltung dem Schülerchor „Liberi Cantantes“ aus Prievidza in der Slowakei. Mit instrumentaler Begleitung führte der Chor zum Abschluss der Wallfahrt ein Kirchenkonzert auf.

Fotos: Rainer Teppert, Archiv (letztes Bild)

 

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