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PREDIGT von Kardinal Gerhard Müller über das Menschenrecht auf Leben

Nicht „nur“ in  Berlin, auch in den USA und in einigen europäischen Hauptstädten findet jährlich der „Marsch für das Leben“ statt, so auch am 22. Mai in Rom. Zwei Tage zuvor hielt Kardinal Müller eine aufrüttelnde und eindringliche Predigt bei der „Eucharistischen Anbetung für das Leben“ in der römischen Pfarrgemeinde San Giovanni dei Fiorentini.
Wir danken dem glaubensstarken Würdenträger herzlich für die freundliche Abdruckgenehmigung seiner Ansprache in deutscher Sprache, die wir hier vollständig dokumentieren:

Der Heilige Vater hat kürzlich auf die demographische Katastrophe hingewiesen, die unweigerlich auf uns in Europa und Amerika zukommt. Doch geht es nicht nur utilitaristisch darum, dass die Wirtschaft und der Staat wieder mehr künftige Kunden und Steuerzahler bekommen.

Wir argumentieren theologisch: „Der Mensch ist vielmehr die einzige von Gott um ihrer selbst willen gewollte Kreatur.“ ( II. Vaticanum  Gaudium et spes 24). Denn jeder individuelle Mensch ist „von Gott im Voraus (zu seiner tatsächlichen Existenz auf  Erden) dazu bestimmt, an Wesen und Gestalt seine Sohnes teilzuhaben, damit dieser der Erstgebornen unter vielen Brüdern sei.“ (Röm 8, 29).

Also ist jeder Mensch von ersten Augenblick der Empfängnis bis zum letzten Atemzug von Gottes Heilswillen umfasst.

Jeder Akt des Unrechts gegen Leib und Leben eines Mitmenschen, insbesondere die Tötung eines Kindes im Leib seiner Mutter (oder auch im Reagenzglas oder im Brutkasten) ist ein „verabscheungswürdiges Verbrechen“ (Gaudium et spes 51). Denn das Leben ist heilig und geschützt von Gott selbst durch sein Gebot: „Du sollst nicht töten!“ (Dtn 5, 17).

Die Rechtsordnung in allen Gesellschaften und Staaten zielt auf das Zusammenleben der Menschen auf der Basis der Moral. Moral ist die Orientierung unseres Handelns am Guten. Die Grundlage ist die Anerkennung der fundamentalen Würde und der Rechte des Menschen, die in seiner Natur begründet sind und von Gott garantiert werden.

Wir Menschen und Christen sind überzeugt, dass der wirkliche (und nicht nur abstrakt gedachte) leibhaftige Mensch niemals als Zweck und Instrument für etwas anderes oder die Interessen anderer existiert. Das ist die Grundlage unseres Menschenbildes und das Kriterium für alle Ethik.

Das Gegenteil ist der Ausgangspunkt aller Verbrechen gegen die Menschlichkeit und der zynischen Menschenverachtung. Josef Stalin meinte, dass die Gefangenen des GULAG nur soweit noch ein Recht auf Leben haben, als sie z.B. für den „Bau des Weißmeerkanals“ von Nutzen sind. 

Heinrich Himmler, der Chef der berüchtigten SS seines Meisters Hitler, sagte, ihn interessiere „das Leben von tausend russischen Weibern nur solange, bis sie den Bau eines Panzergrabens für die Wehrmacht fertig gestellt haben.“
Und das sind nur zwei besonders drastische Beispiele der abgrundtiefen Menschenverachtung in den Polit-Ideologien unserer Zeit.

Diabolische Menschenverachtung in unserer Zeit

Wenn man der Meinung ist, es gäbe zu viele Menschen auf unserem Planeten, die die Ressourcen verbrauchen oder das Klima negativ beeinflussen, kann man deswegen nicht die Tötung von Menschen im Mutterleib propagieren und rechtfertigen, ohne sich als diabolischer Menschenverächter zu entlarven.

Dies sagt auch Papst Franziskus ganz drastisch, auf den sich die Vertreter einer Reproduktionsgesundheit (sprich: Abtreibung) ansonsten sehr gern berufen.

Die  herrschenden (post- oder transhumanistischen) Materialisten in den kapitalistischen Staaten des Westens, in den von ihnen beherrschten Internationalen Organisationen bis zu den kommunistischen Diktatoren in China und seinen Satelliten akzeptieren die Lehre von der Gottebenbildlichkeit des Menschen nicht, weil sie den Glauben an Gott als unseren Schöpfer und Richter für falsch oder überholt halten. Sie wollen selbst Gott sein und den Schöpfer der Neuen Welt spielen (vgl. die „Drehbücher“ dazu von Zhao Tingyang, Alles unter einem Himmel. Vergangenheit und Zukunft der Weltordnung, Berlin 2021; Yuval Harari, Homo Deus. Eine Geschichte von morgen, München 2021).

Dabei sind sie in ihrer albernen Überheblichkeit nicht einmal fähig, das winzige Corona-Virus zu besiegen und ihre Führer müssen sich wie gewöhnliche Menschen vor Krebs und Parkinson und anderen Schicksalsschlägen fürchten.

Kürzlich hat jemand gesagt: Die Oligarchen in Russland sind Mafiosi, und im Westen nennen sie sich Philanthropen.

Vorsicht vor denen, die sich als die Retter der Menschheit aufschwingen und doch nur ihre eigenen Interessen im Sinne haben. Während bei der Corona-Krise und den Maßnahmen dagegen Millionen Menschen in Not und Armut geraten sind, konnten die zehn reichsten Menschen ihr Vermögen um Hunderte von Milliarden erhöhen. Hier stimmt etwas nicht. Wo ist die soziale Gerechtigkeit noch das Maß unserer Gesellschaftsordnung?

Die dominante ideologische Richtung in Politik, Wirtschaft und Medien denkt „sozialdarwinistisch“ (allerdings bei falschen Schlusssfolgerungen aus der Abstammungslehre von Charles Darwin).

Das heißt: Wer sich im Lebenskampf  um Macht, Geld und Propaganda durchsetzt, hat das Recht auf seiner Seite. Nur die Mächtigen haben – wie sie sich anmaßen – nach der Maßgabe ihrer Interessen das exklusive Recht zu definieren, wer leben darf oder sterben muss. Sie wollen bestimmen, was lebenswertes Leben ist im Unterschied zu dem lebensunwerten Leben.

Andere halten es sogar für eine Form von höherer Humanität, wenn nur gesundes Leben geboren oder bei Krankheit und Alter beseitigt wird, um zukünftiges  und gegenwärtiges Leiden zu vermeiden. Oder im Falle von Mehrlings-Schwangerschaften soll nur das Kind überleben, das den Eltern nach den eigenen Bedürfnissen und Vorlieben passt.

Brutale Ein-Kind-Politik in China

In China hat man jahrzehntelang eine brutale, menschenverachtende Ein-Kind-Politik betrieben, und Frauen zur Tötung ihres eigenen Kindes gezwungen. Wer nach den – in der geistig-sittlichen Natur gelegenen – Grundrechten denkt oder die letzten Kriterien für das Menschenbild dem geoffenbarten Wort Gottes entnimmt, kann niemals einen gerechten Grund finden, einen unschuldigen Menschen zu töten.

Nicht nur in dem Menschen verachtenden Krieg Putins gegen  das Volk der Ukrainer, auch gegen Frauen und Kinder, sondern gerade auch im „Westen“, der seine christlichen Wurzeln radikal verleugnet, befinden wir uns in einem „Krieg gegen die Heiligen“ (Offb 13,7).

Wenn in dieser Stunde, da  es für die Ukrainer um Tod oder Leben geht, die Europäische Union die finanziellen Hilfen für den Wiederaufbau  dieses leidgeprüften Landes an die Einführung von Reformen knüpft, dann kommt hinter der Maske des Humanismus die Fratze der antichristlichen Ideologie zum Vorschein. Denn unter „Reformen“ verstehen ihre maßgebenden Leader die Zerstörung der Familie, das Recht auf Abtreibung, die Herrschaft des Gender-Wahns.

Das beweisen die bösen Attacken auf das polnische und ungarische Volk, deren demokratisches Selbstbestimmungsrecht von ihnen schamlos in Frage gestellt wird.

Hinter den Verantwortlichen für all das  Leiden lauert „das Tier aus dem Abgrund“, der Inbegriff der Bosheit und Gottlosigkeit, das den Vernichtungskrieg gegen die Anhänger Gottes und gegen Christus, das Lamm Gottes,  entfesselt hat. Das ist der Krieg gegen alle „die die Gebote Gottes bewahren und an dem Zeugnis für Jesus festhalten“ (Offb 12, 17).

Angriffe gegen Lebensrechtler in Europa und USA

Wer heute in Europa oder Amerika pro life ist, wird angespuckt und beleidigt, verfolgt, benachteiligt und ausgegrenzt. Die Richter des Supreme Court in den USA, die sich gegen ein Recht auf Abtreibung, d.h. auf den Mord an Unschuldigen, aussprechen, werden mit ihren Familien an Leib und Leben bedroht.

Der  von neomarxistischen Medien aufgepeitschte Mob setzt katholische Kirchen in Brand – und das alles in einem Land, das sich einmal als Hort sich der Freiheit der Religion, der Meinung und des Gewissens rühmte. In Deutschland, in dem wie in ganz Europa ein Vernichtungskampf geführt wird gegen das Leben, die Ehe und Familie, erlaubt die Regierung die Werbung für Abtreibung und bestraft zugleich diejenigen, die vor den Abtreibungskliniken die Mütter warnen vor dem barbarischsten aller Verbrechen: das ist die Tötung des eigenen Kindes.

Nicht nur an die Christ-Gläubigen, sondern auch an alle Menschen richtet das II. Vatikanische Konzil die Botschaft von der unveräußerlichen Würde jedes einzelnen Menschen.

Das ist die Magna Charta des Lebens:

„Was zum Leben selbst in Gegensatz steht, wie jede Art Mord, Völkermord, Abtreibung, Euthanasie und auch der freiwillige Selbstmord; was immer die Unantastbarkeit der menschlichen Person verletzt, wie Verstümmelung, körperliche oder seelische Folter und der Versuch, psychischen Zwang auszuüben; was immer die menschliche Würde angreift, wie unmenschliche Lebensbedingungen, willkürliche Verhaftung, Verschleppung, Sklaverei, Prostitution, Mädchenhandel und Handel mit Jugendlichen, sodann auch unwürdige Arbeitsbedingungen, bei denen der Arbeiter als bloßes Erwerbsmittel und nicht als freie und verantwortliche Person behandelt wird: all diese und andere ähnliche Taten sind an sich schon eine Schande; sie sind eine Zersetzung der menschlichen Kultur, entwürdigen weit mehr jene, die das Unrecht tun, als jene, die es erleiden. Zugleich sind sie in höchstem Maße ein Widerspruch gegen die Ehre des Schöpfers.“ (Gaudium et spes, 27).

In dieser Stunde des Kampfes um Leben und Tod der ungeborenen Kinder, die Würde der Schwerstkranken aber auch der Suizidgefährdeten, denen man den Gnadentod als ihr Recht einreden will,  gilt uns Christen gilt die Mahnung: „Tu deinen Mund auf für die Stummen, für das Recht aller Schwachen.“ (Buch der Sprichwörter 31, 8).

Jesus Christus, das ewige Wort des Vaters ist das wahre Licht, das in die Welt gekommen ist. Und er sagt zu uns seinen Jüngern inmitten der lebensfeindlichen und gottvergessen Welt von heute, die doch nur vom Gott des Lebens gerettet werden kann: „Ihr seid das Licht der Welt. Eine Stadt, die auf dem Berge liegt, kann nicht verborgen bleiben.. Euer Licht soll vor den Menschen leuchten, damit sie eure guten Taten sehen und euren Vater im Himmel preisen.“ (Mt 5, 14.16).

Fotos: Archiv, Bistum Regensburg

Kommentare

3 Antworten

  1. Dankeschön an Kardinal Müller – auch für die Verteidigung des polnischen und ungarischen Volkes, deren demokratisches Selbstbestimmungsrecht in Frage gestellt wird. Eine super inhaltsreiche Predigt, welche Mut macht.

  2. Das, was Cardinal Müller predigte, ist besonders in der jetzigen Zeit, ein wahres Wort, es ist die Wahrheit — von Christus dem Messias her – und damit allgemeine Wahrheit, denn Gott ist immer größer (Thomas von Aquin )

  3. Danke, Kardinal Müller, für die klaren Worte!
    Wie sehr haben wir nötig, dass auch solch klaren Worte wieder in unseren Kirchen gesprochen werden – denn immer mehr gewöhnen wir uns Christen an diesen alltäglichen Wahnsinn – ein Krieg gegen das Leben, der in allen Ländern geführt wird.

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